Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Neuerdings gelte ich als systemrelevant. Die Bescheinigung meines Arbeitgebers (ein Krankenhaus für Psychosomatische Akutmedizin) bestätigt das. Schwarz auf weiß. Auch die Kassenärztliche Vereinigung kann sich dem anschließen. So wie die Landespsychotherapeutenkammer. Also alle für eine Psychotherapeutin wichtigen institutionellen Bezugssysteme. Ich bin also offiziell wichtig für DAS System. Wichtiger als andere, die zuhause bleiben können bzw. müssen. Als verzichtbar(er) gewertet werden in dieser allumfassenden Krise der Gesellschaft. In der es um Leben und Tod geht, wie die John-Hopkins-Universität oder andere Quellen uns stündlich und hochaktuell vor Augen führen. Endlich sieht also jemand meine wahre Bedeutsamkeit. Gut, ich bin kein Arzt. Kein wirklicher Menschenretter an vorderster Coronafront. (Auch interessant, warum ich hier die männliche Variante wähle.) Das wäre noch ein bisschen besser. Aber als Psychotherapeutin bin ich wenigstens Teil des Gesundheitssystems. Und das gilt es schließlich jetzt zu retten. Oder zumindest nicht zu sehr zu beschädigen. Auf jeden Fall zu unterstützen.

Mmhh. Bei was eigentlich? Geht es darum, möglichst viele Tote zu vermeiden? Oder wirklich darum, Menschenleben zu retten? Geht es darum, der massiven Dezimierung der Menschheit entgegenzuwirken, die eigene Rasse zu schützen? Geht es um den Beweis, dass wir als Menschen dem Schicksal trotzen können? Selbst die Alten und Kranken unserer Gesellschaft (die uns ansonsten ja häufig herzlich egal sind) vor jeglicher Gefahr und jeglichem Hass abzuschirmen in der Lage sind, bis sie einen „friedlichen“ Tod erleben können, den wir zumindest nicht verschuldet haben? Oder um den Beweis, dass unsere Ärzte, unsere Politiker, unsere Geldmittel, ja unser ganzes System unangreifbar ist? Uns ein so kleines, harmloses Virus (auch noch von Tieren übertragen) doch nichts anhaben kann in unserer menschlichen Übermacht?

Ich habe viel Verständnis für Allmachtsgefühle. Ich bin da leider sehr infizierbar. Blöderweise will aber niemand meine Bescheinigung der Systemrelavanz sehen, die ich nah am Körper immer bei mir führe. Die normalen Menschen dürfen ja auch noch raus. Zum Einkaufen und Joggen, manche sogar zum Arbeiten.

Das führt doch zu gewissen Zweifeln über die Bedeutung meines Tuns. Sind Psychotherapeuten gerade wirklich wichtiger als andere Berufsgruppen? Sind Psychotherapiepatienten wirklich bedürftiger und schützenswerter als all die anderen Menschen, die derzeit mit einschneidenden Lebensumständen zurecht kommen müssen? Strukturell benachteiligt aufgrund ihrer eh schon schwächlichen psychischen Konstitution? Ich bin da skeptisch. Meine Patienten sind fest angebunden. Sie können sich auf mich verlassen. Auch wenn wir uns nicht von Angesicht zu Angesicht sehen würden für eine geraume Zeit, es gibt Email und neuerdings sogar Videosprechstunden. Klar sind sie froh, dass ich meine Praxis unter verschärften Hygienemaßnahmen weiterführe. Aber selbst wenn es nicht mehr ginge, wissen sie, dass es irgendwann weitergehen würde. Meine Patienten haben etwas Wichtiges in ihrem Leben verstanden. Dass sie mit ihrem Leid nicht alleine bleiben müssen. Auch wenn vielleicht nicht immer klar ist, wie genau das Sprechen über schmerzhafte, beängstigende und beschämende Erfahrungen zu einer Veränderung von quälenden psychischen Symptomen, einem allgemein befriedigenderen Leben führen kann. Sie haben einen Weg beschritten. Sie gehen einer Hoffnung nach.

Mich beunruhigen eher all die anderen. Erst heute habe ich über die Zunahme von häuslicher Gewalt durch die Ausgangsbeschränkungen gelesen. Und im Angesicht dessen, welche Heftigkeiten sich in meinem eigenen Haushalt in der aufgezwungenen Enge abspielen (und ich darf ja Gott sei Dank noch zur Arbeit raus), bezweifle ich schwer, dass dieser Umstand auf die benachteiligten gesellschaftlichen Schichten abgewälzt werden kann. Die Steigerung der Suizidrate werden wir erst in einigen Monaten absehen können, wenn die wirtschaftlichen Folgeschäden der Krise spürbarer werden. Aber ich vermute schwer, dass darunter prozentual eher wenig Menschen sein werden, die sich in einer laufenden Psychotherapie befunden haben.

Wir gehen gemeinhin davon aus, dass Menschen, die Psychotherapie benötigen, psychisch krank sind. Was das so recht heißen soll, weiß man dabei nicht so genau. Es gibt da so Annahmen. Naja. Die Experten werden es wissen und auch wissen, was zu tun ist. Gut, dass es Therapie gibt. Das ist wichtig. Geradezu systemrelavent. Aber gut auch, dass man selbst nicht betroffen ist. Depression. Diese Ängste. So richtig versteht man es ja auch nicht. Es geht ihr doch eigentlich gut. Das Geschäft läuft, die Kinder sind wohlgeraten und der Mann ist doch auch passabel. Und dieses schöne Haus. Zwei Mal im Jahr Urlaub. Zuletzt Skifahren in Südtirol (okay, saublöder Witz, musste sein). War die Kindheit vielleicht nicht so dolle. Wobei die Eltern hatte man letztens erst kennengelernt. Waren eigentlich doch nett. Naja. Wird schon was Schlimmes erlebt haben. Da fragt man ja auch nicht nach. Ist ja ihre Sache. Hat ja auch eine Therapeutin, mit der sie über all das sprechen kann.

Nun findet aber die systemrelevante Psychotherapeutin, dass ihre Patienten ziemlich normal sind. Meistens leider fast zu normal. Systemkonform. Und sie in der Regel genau daran leiden. Daran, dass sie im Laufe ihres Lebens und ihrer Entwicklung ein System aus Regeln verinnerlicht haben, über das sie längst keinen Überblick mehr haben, dem sie aber treu gehorchen. Sei es der Geburtstagsbesuch bei der Nachbarin, die man eigentlich noch nie leiden konnte. Seien es die regelmäßigen Müttertreffen, weil man das halt so macht als Frau mit kleinen Kindern, die ihr größtes Glück zu sein haben. Seien es die schalen Berührungen abends im Bett, die halt zu einer Paarbeziehung dazugehören. Man will den Partner ja auch nicht beleidigen, indem man sagt, dass man sich etwas Anderes wünscht. Er könnte ja auch denken, es hätte einem noch nie gefallen. Und selbst wenn das stimmte. So etwas sagt man nicht. All diese Regeln der Höflichkeit. Der Sittlichkeit. Der Grenzwahrung. Der Toleranz. Der zivilisierten Beziehung. Wo ich selbstverständlich frage, bevor ich eine Grenze überschreite oder sogar eindringe.

Was passiert aktuell mit den Menschen, die all diese Regeln normalerweise gewissenhaft befolgen? Die gewöhnlich ihren Unmut, ihre Ungezügeltheit, ihre Unersättlichkeit und all die anderen Unwörter auslagern aus ihren Beziehungen? Auf den Fußballplatz. Ins Videospiel. Ins Fitnessstudio. In die Arbeit. Nun aber plötzlich auf engstem Raum mit ihren Beziehungspartnern zusammengepfercht werden? Auf all ihren Trieben quasi sitzenbleiben? Und wenig Übung darin haben, darüber zu sprechen. Nicht gelernt haben, Grenzen mit Worten zu überschreiten. Ohne dabei zu schreien oder handgreiflich werden zu müssen. Was ist mit all denen, die bisher gar nicht wussten, dass sie möglicherweise auch psychische Konflikte haben? Einfach deshalb, weil es zum Menschsein dazu gehört? Die nun zum ersten Mal in dieser Ausnahmesituation ihren inneren Abgründen begegnen? Die plötzlich in Kontakt kommen mit einem Jenseits des faktischen Lebens. Der Innenwelt.

Vielleicht gelingt es dem ein oder anderen, seine bisherigen Aktivitäten ins Netz oder sonstwohin zu verlagern. Eine neue Projektionsfläche für sein inneres Leid und die zahlreichen Ungewissheiten zu finden, um diese nicht wirklich erleben zu müssen. Weil er es nicht aushalten könnte. Was aber, wenn nicht? Wer muss dann herhalten? Die Politiker? Der Partner? Die Kinder? Oder man selbst? In dieser Reihenfolge?

Ich wünsche mir, dass in Zukunft mehr über die Psyche gesprochen werden kann. Über psychisches Leid als Teil unseres Lebens. Über Ungewissheiten, Zweifel, Ängste und Traurigkeiten. Dass es nicht nur um das physische Leben als das Nonplusultra und einzig zu Rettende gehen kann. Auch wenn wir unseren Körper definitiv brauchen. Er kann aber nicht losgelöst von unserem psychischen Leben betrachtet werden. Er ist untrennbar damit verbunden. Die Großmutter unserer Babysitterin versteht nicht, warum sie gerade keinen Besuch mehr erhält. Sie versteht die Welt nicht mehr. Vielleicht wird sie daran sterben. Ob mit oder ohne Corona. Es liegt mir fern zu kritisieren, was gerade an Schutzmaßnahmen ergriffen wird, um Menschenleben zu retten. Denn schließlich ist das Überleben unseres Körpers die Vorbedingung für ein menschliches Leben. Aber Corona zeigt uns auch, was darüberhinaus an vielen Stellen des Systems unter normalen Umständen nicht gedacht werden darf. Und nicht gefühlt werden kann.

Ich will vielleicht lieber doch keine systemrelevante Person sein. Nicht in einem System, mit dem ich an so vielen Stellen nicht einverstanden bin.

2 Gedanken zu “Über Systemrelevanz…einige offene Fragen

  1. L.M. sagt:

    Eine vielschichtige Reflexion die mich ermuntert, meinen Blickwinkel ebenfalls zu variieren. So einiges spricht mich an, zu vielem habe ich etwas zu sagen. Was macht es mir mir, ein systemrelevanter Mensch zu sein. Ist das nicht das, was ich schon immer sein wollte? Ist es nicht die Bestätigung, dass das, was ich tue wirklich etwas bewegt? Aber was bewegt sich wohin in diesem System? Stimmt die Richtung? Welche Richtung ist die richtige? Und dann die psychische Belastung – die „psychischen Probleme“. Und nicht zuletzt die Frage nach dem Krankheitswert. Formulierungen, die sich einfach so still und leise etabliert haben. Begriffe, die wir oft zu hinterfragen vergessen. Aber müssen wir immer alles hinterfragen? Was machte das mit uns? Schade, jetzt ruft mich das System zur arbeit… vielleicht kann ich den Gedanken an anderer Stelle wieder aufnehmen. Bis dahin erst mal danke für die geteilten Gedanken, die viele neue schaffen!

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    1. SR sagt:

      Danke für den differenzierten Kommentar! Sehr gerne lese ich deine weiterführenden Gedanken irgendwo. Denn das ist wohl, was es derzeit und ja eigentlich immer dringlich braucht. Weiterdenken.

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