Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Liebe Selbsterfahrungsgruppe, Ich werde nicht am nächsten Wochenende per Videoschaltung teilnehmen. Sehr früh schon habe ich im Institut nachgefragt, was es für Ideen zum Umgang mit der Pandemie, den Corona-Regeln gibt. Dadurch weiß ich schon sehr lange, dass die nun zu realisierende technische Variante in Planung war und hatte bis heute dementsprechend viel Zeit, mich …

weiterlesen

Den folgenden Beitrag habe ich in den Weiten der WordPresslandschaft mit den Schlagwörtern Psychoanalyse und Corona gefunden. Wir haben den Artikel „Psychoanalyzing the Coronavirus: This Is What Happens to Our Mind Under a Mortal Threat“ der israelischen Psychoanalytikerin Merav Roth übersetzt, den wir hier dokumentieren. Sie beschreibt darin aus kleinianischer Perspektive, zwischen welchen psychischen Positionen …

weiterlesen

Schon seit Jahrzehnten gehört zu meinem Leben, mir den Tod in seinen vielfältigen Formen vorzustellen. In Kindertagen phantasierte ich beispielsweise gerne die eigene Beerdigung, wenn ich besonders wütend auf meine Eltern war. Weil ich mich ungerecht behandelt fühlte. In meinen Wünschen nicht gesehen. Enttäuscht worden war. Das Schlimmste, was ich ihnen damals in der Lage …

weiterlesen

Rotas rutinas – Gibt es Beziehung jenseits von Projektionen?

26. April 2020


Lieber F., wie schön, mal wieder persönlich gesprochen zu haben. Mit Worten und mit Klang. Auch wenn die Umarmung noch bis August warten muss 🙂 Habe gerade prompt deinen Text erneut gelesen. Eine wohltuende Vorstellung, mit dir auf der Wiese zu liegen und gemeinsam zu phantasieren. Ich habe früher schon gerne Wolkenbilder gemalt. Auf der Wiese hinter dem Haus. Ausgetretene Pfade verlassen, neue Wege beschritten, ganz im Geheimen, ganz für mich. Tja, wenn das nur heute noch so einfach wäre, wo ich kein Kind mehr bin.

Warum sind wir wohl AnalytikerIn geworden? Hast du eine Theorie für dich, die aufgeht? Waren wir vielleicht schon immer besonders wirkungsvolle Gefäße für die Projektionen anderer und es somit gewohnt, so oder so und so oder so gesehen zu werden. Mannigfalte Gestalten anzunehmen. Keine eigene Gestalt entwickeln zu müssen. Oder können. Haben wir das immer schon nur im Geheimen geübt? Auf der Wiese hinterm Haus? Haben wir möglicherweise durch unsere Berufswahl lediglich aus der Not eine Tugend gemacht, die heute unser Leben bestreitet? Sind wir noch auf der Suche nach der eigenen Gestalt? Oder haben wir aufgegeben und den Auftrag an unsere Patienten abgegeben. Die dann auf die Bühne bringen sollen, was uns nicht gelungen ist.

Ich möchte dich nicht entmutigen, bevor du selbst das Abenteuer Elternschaft kennenlernen konntest. Und ich frage dennoch. Gibt es wirklich Menschen, die fähig wären, in ihrem Kind etwas ganz Eigenes zu sehen und nicht nur das Bild der eigenen Träume, der unerfüllten Sehnsüchte, abgewehrten Ängste, erhofften Wünsche? Ich habe das bisher kaum geschafft. Vielleicht nähere ich mich im Schneckentempo an. Aber ist das überhaupt Sinn der Sache? Die Projektionen zurückziehen, meine ich. Welche Verbindung bleibt dann? Ist das nicht die gleiche Frage nach dem Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe? Wie ist das mit dem Verlieben? Und einer beginnenden therapeutischen Beziehung? Und der Geburt eines Babys? Neuen Freundschaften. All diesen Verheißungen auf etwas Neues. Die Erlösung von…

Ich bin in den letzten Jahren immer mehr mit diesen Fragen beschäftigt. Können Beziehungen wirklich mehr sein als gegenseitige Besetzungen für die immer gleichen Rollen. Schicksalhafte Synchronizitäten, in welchen wir aneinander und miteinander unsere Geschichten wiederholen, modifizieren, bestenfalls ein wenig erweitern. Uns auf jeden Fall benutzen. Brauchen und missbrauchen zu je ganz individuellen Teilen. Sind wir bei all dem wirklich fähig, den Anderen als verschieden beziehungsweise unterschiedlich zu erkennen und wenn ja, nach wie vielen Jahren und in welcher Beziehungsform?

Lieben – das scheint mir mehr und mehr etwas für Außerirdische zu sein. Aber vielleicht gelingt es mir auf der Wiese der Phantasie ja, eine Außerirdische in mir zu entdecken. Wo ist mein Denkfehler? Können wir die Wiederholung wirklich überwinden? Und wenn nicht, wie kann etwas Neues entstehen? Ich würde so gerne glauben, dass der Andere getrennt von mir existiert und dennoch eine Verbindung finden. Es würde meine Ängste lindern. Die Angst vor der Entscheidung, mich entweder im Anderen aufzulösen oder aber getrennt zu sein. Abgeschnitten. Einsam. Ohne Hoffnung.

Ich habe bisher immer nur den Spiegel im Spiegel gesehen.

Ich glaube, das war möglicherweise das Anstrengende heute an Arvo Pärt für mich. Er ist einfach kein Bach. Er beruhigt nicht durch Klänge, in die man sich vertrauensvoll versenken kann. Er hält einem den Spiegel vor. Und jedes Mal kann man etwas Anderes von sich entdecken. Hat etwas von Identitätsdiffusion. Die Kontinuität besteht quasi in der Wiederkehr der Veränderung und der Wiederholung des Immergleichen zugleich. Heute sind wir an ihm gescheitert. In beiderseitigem Einverständnis.

Ach gäbe es nur mehr Sicherheiten. Ach könnte ich mich nur besser langweilen. Gute Nacht.

Ab kommenden Montag ist es also so weit. Mundschutz in der Öffentlichkeit wird Pflicht. Ein staatlich durchsetzbares Gebot. Als ich heute mein buntbedrucktes Verhüllungsstöffchen im Edeka trug, habe ich mich gefragt, warum ich schon jetzt der erst in drei Tagen gültigen Regel nachkomme. Es ist wohl eine Botschaft an mich selbst. Ein unbedeutender und natürlich …

weiterlesen

Das Drehbuch in der Schublade…

24. April 2020


Liebe M., ich musste ein paar Gedanken zu einem vorläufigen Ende führen, bevor ich Dir wieder schreiben konnte.

Dabei habe ich so viele Fragen an Dich. An Mich. An Dich. Die Wächterin. Hüterin. Behüterin. Bewahrerin. Beschützerin. Die verborgenen Geheimnisse. Hinter der dreiviertel Lüge. Was liegt eigentlich noch alles in den Kisten deines Lebens? Am Montag noch fühlte ich mich so gierig. Es war, als hättest du mir einen Tisch gedeckt, der sich bog vor Köstlichkeiten. Der, die, das. Ungeahnte Genüsse. Hannah Arendt und die Holzwege. Die Kunst. Patrizia Cavalli. Die Schönheit. Ästhetik. Die ganze Welt. Du hast meine Verwirrung gespürt. Und mein Verlangen. Der Versuch einer Antwort folgt hier. Ich war die vergangenen Tage nun also damit beschäftigt, um den gedeckten Tisch herumzuschleichen. Die Speisen zu begutachten. Ein bisschen zu schnuppern. Mich darauf zu freuen, von dem ein oder anderen zu kosten. Ohne die Angst, dass irgendwann einmal nichts mehr übrig sein könnte. Und ich hungrig bleibe. Zwischenzeitlich habe ich den Anblick dieses Schlaraffenlandes gar nicht ausgehalten. Es war, als flössen alle Sehnsüchte meines bisherigen Lebens zu diesem Festmahl hin. Das war zu viel. Und ist es noch. Ich habe mich also an die Fastfood-Bude geschlichen. Mit unverdaulichen Nahrungsmitteln kenne ich mich aus. Sie schrecken mich nicht. Auch wenn sie mich nicht satt machen. Nur voll. Und hässlich. So richtig von innen heraus. Fettseele. Die Bewegungsfreiheit immer weiter einschränkt.

Der Genuss des maßvollen Essens ist mir in meinem Leben bisher tatsächlich fremd geblieben. Die Gier meine beste Freundin. Habe gierig geschlungen. Immer in der Hoffnung, den Hunger nur endlich stillen zu können. Dieses maßlose Tier in der Tiefe. Ich habe es mit Sehnsucht gefüttert. Diese aber nicht gekaut. In dicken Brocken runtergeschluckt. Mich allzu oft beinahe verschluckt. Alle Willenskraft hatte nicht ausgereicht, mich zum Genuss zu zwingen.

Ich habe mich oft gefragt, ob meine Suche eigentlich lächerlich ist. Eine Anmaßung in sich. Ein Treffen der Ambivalenzen würde dieselben vielleicht nur aushebeln. Und was bliebe dann. Und nun stehe ich vor diesem Tisch. Sehe Weite und Grenze zugleich. Spüre meine Gier und lass mich von dir gerne zum Einhalten von Maß anhalten. Das hat noch keiner gedurft. Nicht seit ich 3 Jahre alt bin. Stattdessen hat sich die Gier mit sich selbst gequält. Ich bekomme gerade eine Idee davon, was es heißen könnte, ein schmackhaftes Essen zu genießen. Trinken ohne betrunken zu werden. Weil das so dumm ist. Auch wenn es die Angst dämpft. Die Angst vor der Freiheit.

Angst vor dem Wiederholungszwang. Eigentlich macht mir der überhaupt am meisten Angst. Die Vorstellung, dass wir alle nicht an ihm vorbeikommen. Er der Fluss unseres Lebens ist, in dem wir getragen werden. Sozusagen die verinnerlichte Konvention. Aus der man nicht einfach aussteigen kann. An dem sich alle Sehnsüchte abarbeiten. Die geschriebenen Drehbücher bleiben im Zweifel dann doch in der Schublade. Kommen nie zur Aufführung. Selbst wenn die Schauspieler bereit stehen. Die Bühne existiert. Stattdessen werden die anderen bekocht. Die Kinder brauchen doch ihre Mutter. Das hatte man halt irgendwann einmal so entschieden. Und der Mann, was soll der ohne einen mit seinem Leben schon anfangen? Und außerdem: gib dich doch endlich mal zufrieden mit dem, was du hast, was du kannst, was du bist. Du kannst nicht alles haben. Nicht alles sein. Ja. Stimmt. Aber vielleicht ein bisschen mehr. Schritt für Schritt. Maßvoll. Mit Genuss. In die Freiheit.

Ich werde über den Wiederholungszwang systematischer nachdenken müssen. Wenn meine Annahme stimmt, dass er unvermeidlich ist, geht es nicht ums Aussteigen, wie ich bisher dachte, sondern darum, ihn sich anzueignen. Nicht nur geschehen lassen. Hypothesen.

Früher oder später spreche ich mit meinen depressiven Patienten über Die Unendliche Geschichte von Michael Ende. Über die Ausbreitung des Nichts in Phantasien. Die Frage, wie die Grenze zwischen der Realität und der Phantasie überschritten werden kann. Über das Wünschen als Verheißung. Das Risiko der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, der Allmacht. Der Weg aus der einen …

weiterlesen

Lange Zeit waren Ausscheidungsprozesse für meine Tochter eine nebensächliche Selbstverständlichkeit. Ein Automatismus ihres Körpers, den sie nicht bemerken musste. Schließlich wurde das Ergebnis derselben auch zeitnah und ebenso nebensächlich entfernt. Wenn sie derzeit eine volle Windel hat, hüpft sie strahlend um die Ecke. „Ich habe gekackt!“ Sie hat sich ein ausgefeiltes und gleichbleibend zu praktizierendes …

weiterlesen

Liebe S., immer, wenn ich nicht mehr weiß, weiß es ein Gedicht für mich. Es suggeriert mir die Wörter, die Beschreibung, das Bild, die Sequenz, die Gesten, die Blicken, die Geräusche, die Erinnerung, die Sehnsucht, die Erfahrung. Die wiederkehrende Kulisse. Ich liebe Wörter. Und liebe Bilder. Überlege, wie ich die Übersetzung wagen könnte. Ich würde …

weiterlesen

Patrizia Cavalli Die Wächterin I. Era il sospetto del tuo chiuso ardore che mi faceva artefice di chiavi. D’altronde ero famosa da bambina per aprire cassetti, porte e armadi di cui non si trovava più la chiave. Prima lasciavo che si presentassero i competenti, ossia gli adulti maschi, e io in silenzio buona da una …

weiterlesen