Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Social Distancing ist ein spannendes Phänomen. Wo kommt eigentlich die Namensgebung her? Wäre nicht physical distancing eigentlich als Begrifflichkeit treffender für das, was bezweckt ist? Es geht ja in allererster Linie um die räumliche Distanzierung mit dem Ziel, die Ausbreitung infektiösen Geschehens zu kontrollieren. Von gesellschaftlichem Abstand oder gar Isolation als Idee des Ganzen war bisher noch nicht die Rede. Doch während wir unsere Körper derzeit bemüßigen, einen Abstand von mindestens 1,5m voneinander zu halten, um uns nicht gegenseitig mit einem Virus anzustecken, geschieht unaufhaltsam etwas, was weit über eine rein physische Distanzierung hinausgeht. Doch was genau ist das? Wie lässt sich das mit psychologischen Begriffen fassen?

Wenn ich, bevor ich strukturiert nachdenke, assoziieren sollte, würde ich sagen, es hat etwas mit dem Verlust von Projektionsmöglichkeiten zu tun. Die reziproken Spiegelungsprozesse verändern sich. Zumindest werden sie irgendwie beeinflusst. Vermutlich bei jedem sehr unterschiedlich. Während mikrobiologische Ansteckungswahrscheinlichkeiten reduziert werden, um physisches Leben zu schützen, geraten die ebenso lebensnotwendigen mikropsychologischen Übertragungsformen ins Stocken, was unser Miteinander auf eine bisher ungekannte Art verändert.

Als die neuen Kontaktbeschränkungen erstmalig ausgesprochen waren, beobachtete ich mich dabei, wie ich sie eifrig zu befolgen begann. Ich wich passiv aus, wo es ging, machte aktiv Bögen um andere, wechselte sogar die Straßenseite bei Bedarf und mied Orte, an denen die Abstandsregel nur unter übermäßiger Anstrengung gewahrt werden konnte. Es ging mir erstaunlich leicht von der Hand, die neuen Regeln des distanzierenden Miteinanders umzusetzen. Ich genieße, dass es plötzlich ein offizielles Gebot gibt, das hilft, mir andere Menschen vom Leib zu halten. Ich erlebe förmlich eine Art befreiendes Gefühl darüber, anderen aus dem Weg gehen zu dürfen. Mit mehr Abstand zu begegnen. Offensichtlich sind mir andere Menschen bisher oft zu nah gekommen. Ohne dass ich mich dagegen gewehrt hätte. Wie auch? Ich bemerke es ja erst jetzt, wo ein offizielles Gebot die Distanz erlassen hat.

Ich frage mich, was wir unter Nähe eigentlich verstehen. Von was distanzieren wir uns sozial denn aktuell zugunsten der Risikominimierung? Was fehlt einigen dadurch? Und was gewinnen andere? Was macht nervös oder was beruhigt? Was führt zum Anstieg häuslicher Gewalt bei den einen? Was lässt andere stattdessen depressiv werden? Warum können wir auf menschliche Nähe, sei sie mehr oder weniger körperlich, nicht ohne Folgewirkungen verzichten? Es gibt doch WhatsApp, Skype und das alte Telefon. Wir müssen doch auf Kommunikation nicht verzichten. Warum sollten diese läppischen 1,5m einen Unterschied machen? Wir sind doch souveräne Individuen, zugänglich für vernünftige Argumente, gewillt, die Schwachen der Gesellschaft zu schützen und bereit für den Verzicht im Sinne eines höheren Zieles. Und wir wissen doch auch, dass das alles nur eine begrenzte Zeit andauern wird. Irgendwann vorbei sein. So lange werden wir doch warten können.

Was ist also das Leid des „Social Distancing“? Und was vielleicht die Chance?

Erstens. Damit wir Menschen uns überhaupt als existent bzw. existierend wahrnehmen können, sind wir auf Anerkennung angewiesen. (An-) Erkanntwerden. Dies beginnt ganz früh. Mit der Anerkennung unseres menschlichen Körpers als lebendiges Wesen. Spätestens nach der Geburt. Ich gehe davon aus früher. Noch während wir an der Nabelschnur hängen. Zu einem Zeitpunkt, wo der Erstickungstod, der uns derzeit so beschäftigt, also noch gar kein Thema ist, da wir nicht von der Umwelt, sondern von einem anderen Körper umhüllt sind, der uns mit Sauerstoff versorgt.

Zweitens. Um als lebendiges Wesen (und da sind wir noch nicht beim Individuum) überhaupt in Erscheinung treten zu können, braucht es die anderen. Die uns das zugestehen. Die unseren Körper als den eigenen und von ihnen fremden bzw. unterschiedenen wahrzunehmen vermögen. Und als Mutter kann ich dazu sagen, dass dies keine leichte Sache ist, da dieses kreative Produkt, welches man geboren hat, doch irgendwie zu einem gehört. Davon abzusehen, dass die eigene Kreation einem dadurch auch gehöre, man ein Anrecht auf sie hätte, ist keineswegs selbstverständlich. Und ein schmerzhafter Prozess der gegenseitigen Ablösung, der wahrlich nicht mit der Geburt endet, sondern vielmehr erst beginnt. Wie genau die psychische oder eher psychosomatische Geburt des Menschen passiert und unter welchen Umständen diese erleichtert oder erschwert wird, sei hier einmal hintangestellt. Es ist mir auch bei weitem noch nicht klar genug und bedarf weiterer Denkarbeit. Es geht an diesem Punkt unserer Entwicklung auf jeden Fall noch lange nicht um die Art von Anerkennung, die sprachlich zu vermitteln wäre, sondern um etwas viel Basaleres.

Drittens. Wir tragen alle diese Basis, das Basale in uns. Wie wir gehalten und gelegt wurden, getragen und geschoben, gewiegt und geschüttelt, gefüttert, getröstet, erregt und beruhigt, wie mit unserem Schreien umgegangen wurde, wie lange wir warten mussten, bis wir erhört wurden …all das tragen wir in uns. In unseren Körperstrukturen. Haben es entweder abgespalten irgendwo deponiert oder mehr oder weniger integriert in all die Erfahrungen, welche in späteren Jahren danach folgten. Es findet sich in unserer Sprache wieder. Aber auch in unserer Sexualität. Eigentlich in allem, was man in Beziehung zu sich, zu anderen Menschen, zur Welt erleben kann. Es führt zu höchstem Glück. Aber auch zu tiefstem Leid. In ganz individuellen Mischungen.

Viertens. Wir tun alle so, als gäbe es das nicht. Als seien wir nie abhängig gewesen. Keine kleinen hilflosen Wesen. Angewiesen auf einigermaßen wohlwollende Bezugspersonen. Sogenannte Erwachsene, die wir heute selbst sind. Wir tun so, als hätten wir immer schon sprechen können. Unsere Bedürfnisse äußern. Unsere Grenzen klar benennen. Uns gegen Grenzverletzungen wehren. Dabei bleibt unsere Sprache seltsam kümmerlich. Sie hilft uns oft nicht, dem Anderen wirklich nahe zu kommen. Sie behindert uns vielmehr oft. Führt zu Missverständnissen und Schlimmerem. Vereinzelung und Vereinsamung.

Fünftens. Wenn wir Glück haben, aber so kann ich es bezeichnen, andere mögen das anders sehen, begegnen wir unserer Abhängigkeit. Schaffen es, unserer Sehnsucht Platz einzuräumen. Und können uns eingestehen, dass wir den anderen Menschen brauchen. Das Gefühl, in Verbindung zu sein. Den anderen Körper zu ersehnen als haltgebende, schützende, wärmende und beruhigende und dann wieder erregende, lebendig werden lassende Struktur. Um uns zu spüren als existierende Wesen. Wir brauchen die körperliche Verbindung (und ich spreche explizit nicht von Sexualität allein, sondern auch von all den flüchtigen, kleinen Berührungen des Alltags, die man mit beliebig vielen Menschen erleben kann), um das, was Sprache in den meisten Fällen nicht zu überbrücken in der Lage ist, spüren zu können. Um die Lücke zu füllen. Blöd nur, wenn wir diese Lücke verleugnen. Oder (Körper-) Kontakt selbst so vielen konventionellen Ideen unterworfen ist, dass das Lebensnotwendige und potentiell Genussvolle dabei gar nicht gespürt werden kann. Wie soll ein wirklicher Austausch zwischen den Menschen so nur gelingen?

Es ist klar, dass jeder von uns in der spezifischen Ausformung etwas Anderes braucht. Wir brauchen Körperkontakt alle auf eine andere Art. Mit jeweils unterschiedlichen Menschen. Aber wir brauchen alle die Sicherheit, in Kontakt zu sein, in Verbindung mit den Anderen, dem eigenen Bezugssystem, den Menschen als der eigenen Gruppe (egal, wie verschieden oder fremd wir uns gegenüber dem ein oder anderen Individuum fühlen mögen).

Was nun, wenn uns diese unbewusste Anerkennung entzogen wird? Weil wir zu einem Sicherheitsabstand angehalten sind.

Ich beobachte Folgendes.

Die Maßnahmen, welche bezüglich des mikrobiologischen Ansteckungsrisikos die Sicherheit erhöhen sollen, führen auf der Ebene des kommunikativen Austausches zu großer Verunsicherung. Nicht allen Menschen ist es im Verlauf ihres bisherigen Lebens gelungen, die Sicherheit, dazuzugehören, stabil zu verinnerlichen. Sei es aufgrund schwieriger Startbedingungen oder bedrohlicher Lebenserfahrungen, traumatischer Erlebnisse oder schwer zu bewältigender Verluste. Einige sind mehr als andere darauf angewiesen, sich ihrer selbst immer wieder versichern zu können. Nicht alle haben ungehinderten Zugang zu ihrem inneren Erleben und können daher eine solche Durststrecke wie im Moment, wo die Anreicherung von Außen begrenzt wird, ohne Weiteres überstehen. Viele haben möglicherweise auch große Angst und haben nicht gelernt, mit Angst als „normalem“ Gefühl umzugehen. Es ist wichtig für sie, beim Gerangel um Klopapier etwas davon loswerden zu können. Manche, die ihre unbewältigte Wut ansonsten bei sportlichen Aktivitäten unterbringen oder bei groben Auseinandersetzungen im Kumpelkreis, wissen nun nicht, wohin damit. Sie haben vielleicht nicht gelernt, sich in einer Partnerschaft zu streiten. Mit Worten auch aggressiv sein zu dürfen. Ohne dass dies alles bedrohen würde.

Wir benutzen uns alle gegenseitig. Täglich. Oft ohne es zu merken. Die vertrauten Menschen vielleicht mehr als die fremden. Vielleicht aber auch umgekehrt. Je nachdem, welchen inneren Regeln wir gehorchen. Wir Menschen haben Bedeutung füreinander. Mehr als wir wissen. Sicherheitsabstände und Kontaktbeschränkungen haben Folgen auf unsere unbewussten Kommunikationsstrukturen, denn diese lassen sich nicht ohne Weiteres in die virtuelle Welt verlegen. Sie sind an den Körper gebunden. Wir sind ohne die Einbettung in unsere gewachsenen Interaktionsstrukturen gewissermaßen auf uns selbst zurückgeworfen. Auf unsere verinnerlichten Erfahrungen. Auch auf die ganz frühen, von denen wir oft nichts wissen wollen.

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