Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Über (Sehn-) Süchte

15. April 2020


Lieber M.,

Ich erinnere mich an eine Denkfigur aus meiner Kindheit. Wenn ich Angst vor etwas hatte, dann malte ich mir das Gefürchtete in den buntesten Farben aus. Gleichzeitig war ich überzeugt, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für das Auftreten des Ereignisses in der Realität dadurch sinken müsse, dass ich es mir im Vorfeld in meiner Phantasie ausgedacht hatte. Denn was für ein Zufall wäre das denn, wenn das Gedachte mit der Wirklichkeit zusammenfallen würde?

Bezüglich meiner Sehnsüchte hatte ich wiederum andere Überzeugungen. Das war später. Ich glaubte fest daran, dass Wünsche, solange ich sie nur zu denken vermag, in Erfüllung gehen würden. Allerdings unter der nicht unerheblichen Bedingung, dass ich auch in der Lage wäre, zur gleichen Zeit von ihnen abzusehen. Also: sollte es mir gelingen, etwas genauso sehr zu wünschen wie mir vorstellen zu können, im Zweifel darauf zu verzichten, würde der Wunsch in Erfüllung gehen. Tat er es nicht, so meine konsequente Auslegung, hatte ich entweder nicht stark genug gewünscht. Oder zu sehr, also war nicht bereit gewesen, auch darauf zu verzichten. Wider besserer Theorie.

Scheiße. Ich mache mir gerade tatsächlich zum ersten Mal wirklich klar, was das heißt. Wie es meiner Kinderseele auf durchaus kreative Art und Weise gelungen ist, Enttäuschungen schon vor ihrem Eintreten zu entkräften. Wie ich so zur Strippenzieherin für all meine Gefühlslagen wurde, scheinbar unberührbar für Verletzungen durch andere. Und im Zuge dessen die Sehnsucht gebeugt wurde. Ich hatte ja nicht genug gewollt. Oder nicht genug Gleichmut bewiesen.

Heute finde ich mein Begehren nicht mehr. Ich suche eifrig. Aber ich finde nur Sehnsüchte. Dabei bin ich immer noch gut im Wünschen, so ist es nicht. Doch ich will scheinbar immer noch nicht genug. Oder zu viel. Es ist, als habe jegliches Wünschen irgendwann in meinem Leben einen Sicherheitsgurt angelegt bekommen, dürfe sich sozusagen nur abgesichert ins Freie wagen. Geht nie ein Risiko ein. Doch was ist ein Wunsch wert, dessen Nichterfüllung nicht schmerzt? Und dessen Ausgang im Wollen selbst schon relativiert wird? Kann es so wirklich gelingen, jemandem anders zu begegnen als immer nur sich selbst? Muss man, wo das Wollen so wenig Raum greifen darf, nicht zwangsläufig in der Sehnsuchtsschleife stecken bleiben? Hinter einem Berg aus Scham verborgen. Unauffindbar für andere und schlimmer noch für einen selbst.

Irgendetwas hat auf jeden Fall die Sucht damit zu tun. Als wäre sie ein Abglanz der verborgenen Wünsche. Seien es die profanen Abhängigkeiten wie die Zigaretten, der Wein, die Schokolade…oder die weniger profanen. All die anderen Dinge, die unbedingt sein MÜSSEN. Man kann ja quasi nach allem süchtig sein. An was dockt denn dieses Gieren nach diesen mehr oder weniger Stofflichkeiten bloß an, so dass man es nicht lassen kann? Wo ersetzen diese das unbedingte Wollen der Vergangenheit, das es doch mal gab? Das mittlerweile so vielen Bedingungen unterworfen ist. Und das sich nicht äußern kann. Im Mentalisierungsprozess auf halber Strecke stecken geblieben. Oder sich nicht traut. Oder oder oder.

Ich verstehe langsam, was die Idee der Psychoanalyse sein könnte, welche ich vertreten möchte. Nicht, ein besserer Mensch zu werden. Einer ohne Konflikte. Ohne Ängste. Ohne Mangelerscheinungen. Ohne Sehnsüchte. Das dachte ich lange Zeit tatsächlich insgeheim. Peinlich. Ist mir aber eh nicht gelungen. Im Moment denke ich, dass es völlig ausreicht, wenn man Menschen findet, die einem helfen, ehrlicher mit sich zu werden.

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