Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Es fing heute mit der neuen Verordnung von Mundschutz im Treppenhaus an. Das allein wäre für mich vermutlich verkraftbar gewesen. Es macht ja Sinn. In mehrfacher Hinsicht. Ansteckungsrisiko wird reduziert, es ist ja auch eng in den Kurven, 1,5m sind das nicht. Und wer weiß, wer einem da alles entgegenkommt. Es wird also etwas getan für das Sicherheitsgefühl, das wir alle gerade so dringlich gebrauchen können. Und wir wollen uns ja auch wirklich bemühen. In unserer psychosomatischen Parallelwelt, in welcher es manchmal scheint, als habe die Paranoia umgekehrte Vorzeichen. Wer zu viel Angst vor Corona zeigt, macht sich irgendwie verdächtig. Zu wenig ist aber auch nicht gut. So Mittelmaß ist einem ernstzunehmenden Therapeuten oder Arzt wohl angemessen. Aber die Bewertungskriterien schwanken auch bei uns. Wir verhandeln die Angst quasi jeden Tag neu.

Meine ganz persönliche steht heute in voller Blüte. Und da kommt dann immer diese Selbstbefragung. War ich bisher zu leichtfertig? Zu vertrauensvoll? Gar naiv? Haben doch „die Anderen“ Recht mit ihrer Vorsicht, der Regelversessenheit oder mitunter sogar Schwarzmalerei? Diejenigen, die schon vor Wochen eine „andere Welt“ prophezeiten? Ich komme mir dumm vor. So vertrauensselig dämlich.

Wie gesagt. Es begann mit der Mundschutzpflicht. Dass unser Chef seit Wochen nicht mehr in den vertrauten Räumen anzutreffen ist, dadurch liebgewonnene Rituale wegfallen, beunruhigte mich heute ebenfalls mehr als bisher. Obwohl ich gleichzeitig froh bin, dass er offensichtlich ein eigenverantwortlicher erwachsener Mensch ist, der sein Risiko kennt. Gibt es eh zu wenige. Aber er fehlt. Mit seiner vertrauten, an Größenwahn grenzenden Furchtlosigkeit. Ja wer, wenn nicht wir, sollten diese neue Verrücktheit denn zu verstehen suchen? Corona geht ins Herz unserer Arbeit. Ich habe Angst, dass wir keine Luft mehr kriegen.

Später am Tag war ich erstmals seit Corona in einer Arztpraxis. Kontrolltermin beim Kieferorthopäden. Kein Ding. Kriegt mein 9jähriger auch ohne Mama hin. Aber dennoch. Ich durfte nicht mit rein in die Behandlungsräume. Sicherheitsmaßnahmen gegen die Angst. Welche neuen Ängste dadurch produziert werden, ist noch nicht klar. Wird das eigentlich irgendwo diskutiert? Sitzen Psychotherapeuten in den Beratungsgremien der Regierung? Philosophen? Soziologen? Psychohistoriker? Überhaupt ein Geisteswissenschaftler? Gut, mein Sohn war auch stolz. Als kompetenter Ansprechpartner des Arztes gegolten zu haben. Ohne Mama-Backup. Ganz allein.

Lassen Krisen eigentlich auch reifen? Oder offenbaren sie nur? Das frage ich mich in diesen Tagen oft.

Dann auf der Straße im Stadtviertel wieder diese Atemnot, die mich seit drei Wochen befällt, wenn mir zu viele Menschen zu nah kommen. Hatte ich das früher schon und nur nicht bemerkt? Ich bin jedenfalls unter Hochstress. Zu viele Jugendliche, die sich nicht scheren um irgendwelche Kontaktverbote. Oder seit den neusten beruhigenden Entwicklungen ihre Eltern sowieso für völlig bekloppt halten angesichts der großen Angst. Was soll denn schon passieren? Ich weise meinen Sohn immer wieder auf die Abstandregel hin, da er einfach nicht anders kann als unbedacht durch die Gegend zu schlendern. Mal da anhalten, um etwas genauer zu studieren, mal da den Schritt abrupt beschleunigen, weil er in seiner Phantasie einen Auftrag zu erfüllen hat. Ich werde körperlich, wenn ich ihn ermahne, streife dabei unbedacht seine Wange. Er weint leise. Sagt, es würde doch reichen, wenn ich es ihm sagte. Aber es hatte eben nicht gereicht. Ich habe ihn verletzt. Scheiß-Corona. Oder war das früher auch schon zu oft passiert? Diese unbedachte Körperlichkeit. Die mir vielleicht jetzt erst auffällt, wo alles so bedacht geworden ist im körperlichen Umgang.

In der Postfiliale endlich eine schöne Erfahrung. Der orientalisch ausschauende Mann hinter der Schutzscheibe aus Plexiglas wirkt entspannt. Er lässt sich nicht scheuchen durch die Menschenschlange, die bis auf die Straße reicht. Kommt hinter der Scheibe hervor. Spricht mit meinem Kind, das sich brennend für seinen Computer interessiert, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Zuletzt waren Gespräche mit Fremden eher rar geworden. Angst vor Nähe der ständige Begleiter. Man will sich ja auch nicht bei jedem anstecken. Ich auch nicht.

Dann auf der Straße geht mein Muskeltonus wieder hoch. Nebenan beim Syrer ein Polizistenpaar mit Mundschutz. Bei der Hitze, denke ich. Das ist der Preis für die Staatsgewalt. Halten einen jungen Mann in Joggingkleidung an. Dieser macht keinerlei schuldbewussten Eindruck. Entweder er weiß wirklich nicht, was die von ihm wollen oder er ist sehr clever, denke ich. Er wird abgetastet. Die Polizisten holen Tabak aus seiner Hosentasche. American Spirit. Hellblau. Er ist immer noch entspannt. Fast schmunzelt er. Er scheint irgendwie am längeren Hebel zu sitzen. Ich höre die Polizistin sagen „Jetzt geben Sie es halt zu…seien Sie doch ehrlich…“ oder so ähnlich. Es klingt irgendwie nett. Und wirkt doch bedrohlich. Was ist da bloß los? Am großen Platz nebenan stehen mittlerweile fünf große Kastenwägen aufgereiht. Mindestens zehn Polizisten haben einige Jugendliche mit Fahrrädern umkreist. Es ist eine Mischung aus entspannter Lässigkeit und immenser Anspannung. Nicht, als wäre etwas Schlimmes passiert, was aufgeklärt werden solle. Eher als drohe die Gefahr erst noch. Als sei das, dessen ich Zeugin werde, nur das Vorspiel. Ich fühle mich wie in einem Schauspiel mit möglichem brisanten Ausgang.

Hat das irgendetwas mit dem Virus zu tun?

Ich habe heute jedenfalls kurz Angst bekommen. Dass die bisher vertraute, demokratische, emanzipierte, freie, moderne, wohlhabende Welt um mich herum sich gerade tatsächlich verändert. Dass sie sich spaltet. In Mundschutzträger und Gefährder. Wissende und Gläubige. Verdächtige und Ankläger. In scheinbare Eindeutigkeiten ohne verlässliche Basis. Ich habe Angst bekommen, dass paranoide Ängste doch die Überhand gewinnen könnten. Auch meine eigenen. In der realen Krisensituation nicht ausreichend contained werden können von der Gruppe, die sich im Kontaktverbot, in der Videokonferenz befindet. Und auch die bisher Vernünftigen an ihrer existenziellen Angst gepackt sind. Und wer ist schon geübt darin, mit dieser umzugehen?

Vielleicht verändert sich die Welt aber gar nicht. Sondern offenbart sich nur. Ob mich das allerdings beruhigen kann, weiß ich gerade noch nicht.

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