Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Lange Zeit waren Ausscheidungsprozesse für meine Tochter eine nebensächliche Selbstverständlichkeit. Ein Automatismus ihres Körpers, den sie nicht bemerken musste. Schließlich wurde das Ergebnis derselben auch zeitnah und ebenso nebensächlich entfernt. Wenn sie derzeit eine volle Windel hat, hüpft sie strahlend um die Ecke. „Ich habe gekackt!“ Sie hat sich ein ausgefeiltes und gleichbleibend zu praktizierendes Ritual erdacht, wie das Wickeln vonstatten zu gehen hat. Ihre Eltern spielen mit. So positioniert sie sich am Ende des langen Flurs, wir müssen die Arme ausbreiten, bestenfalls freudestrahlend lächeln und den Wirbelwind, der da angerannt kommt, schwungvoll in Empfang nehmen. Spätestens da bin ich überzeugt: es ist wirklich ein Geschenk. Vor zwei Tagen ist dabei das Unglück geschehen, dass ihr Vater sich, als er sie auffing, den Finger übel verstauchte. Sein Schmerz war für sie unverkennbar.

Als sie heute morgen ihr Geschäft wieder einmal erledigt hatte, ich schon mit offenen Armen bereitstand, rief sie vom anderen Ende „Ich flattere wie ein Schmetterling!“ Zart flatterte sie in meine Arme. Ich fragte sie, möglichst wenig suggestiv, aber ich wollte ja etwas herausfinden: „Warum bist du denn ein Schmetterling geworden?“ Sie: „Damit du dir nicht weh tust am Finger.“ Ich: „Das ist aber lieb von dir. Und willst du auch noch einmal rennen?“ Begeistert ließ sie sich darauf ein. Aber kurz vor meinen Armen zögerte sie. Hüpfte nur mit halber Kraft. Ihren Vater verletzt zu haben, hat sie sehr beeindruckt. Das Vertrauen ein wenig eingetrübt. Dafür hat sie ein bisschen mehr von ihrer Kraft kennengelernt.

Heute morgen habe ich 1,5kg weniger gewogen als gestern. Was wiegt die Angst frage ich mich. Ich will schreiben über Buffets voller Speisen, die es der Gier so schwer machen, an ihr vorbeizukommen. Über Geschenke, die auf den ersten Blick keine sind und gerade deswegen doch. Über den Wiederholungszwang. Ja, vor allem über den. Aber auch über die Frage, wann in einer Beziehung der Punkt erreicht ist, wo man sich nicht mehr verstehen kann. Jeder für sich denken muss. Die einzig verlässliche Quelle man selbst ist. Und wo der andere dann wohl bleibt. Und ob er dennoch im Weiterdenken eingeschlossen sein kann. Ich bin nicht die Hüterin der verschlossenen Schubladen, das bist du, liebe M. Ich bin wohl eher die Einbrecherin. Keine Diebin. Keine Menschenrechtsverbrecherin. Aber eine Einbrecherin. Eine gute. Ich warte nicht, bis es dunkel ist. Ich steige bei Tageslicht ein. Nicht furchtlos. Nicht schamlos. Nicht rücksichtslos. Und dennoch. Ich steige ein.

Lange Zeit wollte ich keine Einbrecherin mehr sein. Zuviel Konflikte mit dem Gesetz. Den Gesetzen. Den fremden und den eigenen. Ich wollte wirklich gesetzestreu werden. Nur noch legale Wege beschreiten. Ich bin also Analytikerin geworden. Habe die geheimnisvollen und verschlungenen Wege des Unbewussten kennengelernt. Ich habe gelernt, dass dieses ominöse Wesen nicht mir gehört. Auch nicht zu mir. Sondern dass es das Füllmaterial unserer Verbundenheit ist. Das Risiko und die Chance. Gleichermaßen. Ich habe die Angst kennengelernt. Danke dafür. Denn ohne diese ist der Versuch, ans Licht zu kommen, schon vor dem Beginn zum Scheitern verurteilt. Der Einbruch bleibt ohne Angst vor der Entdeckung ein bloßes Verbrechen. Geplant und durchgeführt aus egoistischen Zwecken. Zur Verdeckung des narzisstischen Mangels. Wird nie als ehrlicher Kontaktversuch verstanden werden können. Und wäre es ja auch nicht. Vielleicht ist mein narzisstischer Mangel zu groß. (Ich wäre nicht die erste Frau, der es so ergeht.) Meine Sehnsucht unstillbar. Vielleicht habe ich manchmal immer noch zu wenig Angst vor fremden Gesetzen. Überschätze die Gastfreundschaft des Hausherrn oder der Hausfrau. Wobei das Bild des Eigenheims bezüglich des Unbewussten nicht aufgeht. So wenig wie es mir gehört, gehört es jemand anders. Es ist ein geteiltes Feld. Auf dem wir höchstens miteinander spielen können. Etwas von uns kennenlernen. Mal den Platz tauschen. Neue Perspektiven sehen. Und uns gegenseitig verletzen. Denn Spielen ist wahrlich nicht nur harmlos. Nicht, wenn man im Spiel die Grenzen des Möglichen austesten möchte. Wofür das Spiel doch eigentlich mal gedacht war.

Ich bin keine 3jährige mehr wie meine Tochter. Ich habe manche Lektionen dann doch schon gelernt. Andere lerne ich gerade. Ich erwarte nicht, dass all meine kreativen Leistungen, meine Lernprozesse eine große Freude für andere sind. Für manche ist Scheiße einfach nur Scheiße. Und manchmal ist es dann auch genauso. Übelriechende Absonderungen zur Gesunderhaltung des Systems. Ich hätte den Kontakt abbrechen können. Doch manchmal muss man erst einbrechen, um herauszufinden, ob ein Abbruch wirklich notwendig war. Oder ob das Geschenk doch noch entdeckt wird.

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