Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Früher oder später spreche ich mit meinen depressiven Patienten über Die Unendliche Geschichte von Michael Ende. Über die Ausbreitung des Nichts in Phantasien. Die Frage, wie die Grenze zwischen der Realität und der Phantasie überschritten werden kann. Über das Wünschen als Verheißung. Das Risiko der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten, der Allmacht. Der Weg aus der einen Einsamkeit in die andere Einsamkeit. Die Bedeutung von Erinnerungen auf dem Weg zurück. Inneren Bildern. Helfenden Gestalten. Sinnlosigkeit. Und den Elfenbeinturm. Die Kindliche Kaiserin. Deren Namen alles ist. Der mit Mut aber erst gefunden werden muss. Um zu wünschen. Und der sich wandelt auf dem bitteren Weg der Selbsterkenntnis.

Brodelbrüh ist der See, welcher als erstes vom Nichts erfasst wurde. Da brodelt nichts mehr. Aufgegebenes Land. Ein blinder Fleck. Mehr noch. Nichts. Das Unvorstellbare. Keine Idee davon, ob da jemals etwas gewesen war. So verstehe ich die Depression. Ja, beschreibbare Symptome weisen an der Oberfläche auf etwas hin. Die Erschöpfung. Die Schlaflosigkeit. Unruhe. Rückzug. Sie sagen uns aber nichts. Am Bodensatz der Seele ist es aber genau das Nichts, das sich unbemerkt, oft über Jahre und Jahrzehnte ausgebreitet hat. Das selbst den letzten Hauch von Lebendigkeit in sich aufsaugte, wenn es ihm nur zu nahe gekommen war. Das die Vielfalt des Vorstellbaren, des Erlebbaren, ja den ganzen phantastischen Möglichkeitsraum immer weiter eingeschränkt hatte. Diese seelische Entleerung, welche depressiven Prozessen zugrunde liegt, ist weit mehr als eine ICD-Diagnose abzubilden vermag. Und es betrifft, so denke ich, weit mehr Menschen als alle epidemiologischen Daten auszusagen in der Lage wären.

Ausgangspunkt bei Ende die tote Mutter. Der depressive Vater. Bezugspersonen in der Realität, die keine Anknüpfungspunkte mehr bieten. Ein Kind, das sich und seinen mitunter gefährlichen Phantasien selbst überlassen bleibt. Da die Grenzen zum anderen ob eines unbewältigbaren Verlustes, einer nicht erlebbaren Trauer geschlossen bleiben. Es braucht Bastian und Atreju. Es braucht in beiden Welten Hoffnungsträger. Die beide mehr ersehnen als sich zu arrangieren mit den Gegebenheiten. Gegen die Austrocknung von Brodelbrüh anschreiben. Anfühlen. Sich nicht vom Nichts aufsaugen lassen wollen. Auch wenn es manchmal so verführerisch scheint. Weiterdenken. Gedichte lesen. Bücher stehlen. Sich verlieben. Sich neuen Phantasien öffnen. Lieben. Streiten. Wüten. Den Angreifern trotzen. Der Scham entgegenstellen. Schämen. Entschuldigen. Sich nicht entzweien lassen. Aber den Werwolf erkennen. Sein Leid nicht missachten. Gerettet werden mithilfe des Boten, der AURYN am Meeresgrund glitzern gesehen hatte. Das Amulett der Kindlichen Kaiserin.

So schnell falle ich nicht vom Glauben ab.

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