Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Ab kommenden Montag ist es also so weit. Mundschutz in der Öffentlichkeit wird Pflicht. Ein staatlich durchsetzbares Gebot. Als ich heute mein buntbedrucktes Verhüllungsstöffchen im Edeka trug, habe ich mich gefragt, warum ich schon jetzt der erst in drei Tagen gültigen Regel nachkomme. Es ist wohl eine Botschaft an mich selbst. Ein unbedeutender und natürlich völlig nutzloser Versuch, mir ein Fleckchen Autonomie in der ganzen Angelegenheit zu bewahren. Als hätte ich es auch gemacht, wenn es nicht bald vorgeschrieben, keine Pflicht wäre. Tja. Selbstverarschung. Hilft nicht gegen das Gefühl, dass hier etwas ganz und gar falsch läuft.

Die Bäckereifachverkäufer in der hiesigen Filiale fahren seit Wochen einen Schlingerkurs. Mal tragen sie einheitlich Mundschutz, mal keinen. Vielleicht hat es mit der An- oder Abwesenheit des Mitarbeiters zu tun, der schon vor zwei Wochen begonnen hatte, alle Wartenden der Schlange auf ihre mitbürgerlichen Vergehen hinzuweisen, sollten sie den Mindestabstand von 1,50m unterschreiten. Freunde aus der Nachbarschaft sprechen von ihm nur noch als „dem Nazi“. Und sie haben recht. Er verkörperte auch für mich in den vergangenen Wochen die dunkelsten Seiten des Gruppengedächtnisses in diesem Land. Als ich zum ersten Mal sein Gebahren live beobachten konnte, hätte ich ihn am liebsten postwendend zur Schnecke gemacht. Blöderweise hatte er inhaltlich die aktuell geltende Moral auf seiner Seite. Und ich noch keine eindeutige Position, wie ich diese in meine eigene Moral zu integrieren gedenke. Mir war einfach nicht eingefallen, ihn der Freundlichkeit zu ermahnen. Wollte mich selbst nicht verdächtig machen. Und überhaupt. Besser man gewöhnt sich daran. Denunziationen werden vermutlich zunehmen. Wir müssen uns gut überlegen, wie wir damit umgehen wollen. Welche Moral wir vertreten wollen. Und äußern. Und wie groß die Angst ist, die uns daran hindern könnte. Und wie groß die reale Gefahr. Ich weiß das jetzt alles noch nicht. Ich phantasiere nur. Und vielleicht wird alles gut gehen. Ich hoffe es.

Mein Sohn, 9 Jahre, hat heute seine beste Freundin wiedergesehen. Zum Fahrradfahren im Wald und Spielen am Bach. Beide waren die letzten Wochen quasi vollständig sozial isoliert. Zu Beginn der Kontaktverbote hatten sie noch täglich geskypt. Dann im Dorf ein Tupperdöschen deponiert, um sich auf diesem Weg Briefe und Schokoladeneier aus den Osternestern zukommen zu lassen. Dann war der Kontakt immer seltener geworden. Als habe die körperliche Distanz als Auffrischung gefehlt. Als Rückversicherung für das Empfinden: „Ich habe dich gern. Wir haben uns gern.“ Das Mädchen hatte sich mit zwei Bildern von meinem Sohn neben ihrem Bett beholfen. Er war da weniger kreativ. Hatte sie irgendwie zu vergessen begonnen. Zum Preis zunehmender Niedergeschlagenheit. Heute Abend, als ich ihn freudestrahlend wie lange nicht am Essenstisch sitzen sah, fragte ich: „Habt ihr denn den Abstand von zwei Metern gehalten?“ Er antwortete voller Inbrunst, ahnend, dass er wenig Gegenwehr zu erwarten hätte: „Wir haben uns überhaupt nicht darum gekümmert. Und Ms. Mutter war es auch egal.“ Schon am Nachmittag hatten sie mir Bilder geschickt. Ich war so glücklich, meinen Großen mit seiner Freundin gesehen zu haben. Ich weiß nicht, ob der Mutter von M. wirklich egal war, dass die Kinder sich körperlich zu nah kamen. Ich hatte sie bisher sehr vor- und umsichtig in der Einhaltung der Corona-Regeln wahrgenommen. Ich vermute eher, dass sie spüren konnte, wie sehr die beiden Kinder aufblühten nach der Deprivation. Die in den endlos scheinenden Tagen bleichgewordenen Gesichter wieder erhitzte Wangen hatten. Und sie so die Regel nicht durchzusetzen vermochte.

Soziale Isolation und Bindungsentzug schwächen das Immunsystem nachweislich. Eine vielfach beforschte wissenschaftliche Erkenntnis. Gesicherter als all die Halbwahrheiten, die wir über das Virus vermeintlich wissen. Aber nach Einschätzung der akuten Gefahrenlage für das körperliche Überleben sind Aspekte seelischer Gesundheit vernachlässigbar beziehungsweise schlimmer noch: werden scheinbar gar nicht beachtet. Da der Chefvirologe und -ideologe der Regierung, dem ich zugegebenermaßen zu Beginn auch vertraut habe, der objektiven Wissenschaft der Zahlen anhängt. Und mit inbrünstiger Überzeugung glaubt, keine Meinung sondern lediglich Fakten zu vertreten. Aber dieser moderne Wissenschaftsglaube als Antwort auf den tiefgehenden Verlust des vormaligen Gottvertrauens ist erstens nichts Neues. Und zweitens. Ich weiß ja auch nicht, was gerade richtig ist. Das Beste wäre. Sein könnte. Vielmehr scheint es mir das gar nicht zu geben. Es geht mir mehr um die Frage, wo wir unsere Schwerpunkte setzen. Einfache Pflichttreue oder komplizierte Abwägungssache. Alle reduzieren ihre Komplexität in unterschiedlichen Bereichen. Das Blöde ist, dass die wenigsten dies bewusst zu tun scheinen. Und was will ich denn zudem eigentlich? Ist es nicht ein Luxusproblem, sich um die Seelenzustände meiner und unserer Kinder zu sorgen? Haben unsere Alten nicht viel Schlimmeres erlebt in ihren Kindheiten als diese läppischen Kontaktverbote? Tja…ich weiß nicht, ob wir alle die Vision teilen, die Menschheit könnte sich weiterentwickeln. Oder ob wir zufrieden damit sein sollten, das Immerwiederkehrende erleben zu dürfen. Und in der kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod nicht einem Virus erliegen müssen.

Cut.

Gestern hatte ich eine heftige und letztlich berührende Auseinandersetzung mit zwei Kolleginnen. Ich hatte mich im Vorfeld angreifbar gemacht. Erstens hatte ich mein dringliches Bedürfnis angemeldet, über die Ängste von uns TherapeutInnen in einer größeren Gruppe zu sprechen, also quasi öffentlich. Um uns die Hintergrundkulisse unseres gegenwärtigen Arbeitens vor Augen zu halten und glaubwürdig bleiben zu können. Keine Scheintherapien machen, während wir uns insgeheim eigentlich nur selbst gerade die Nächsten sind. Zweitens hatte ich mich im gleichen Atemzug als Gegnerin der Mundschutzpflicht positioniert. Das war ungünstig und schlichtweg blöd von mir. Wie es mir überhaupt zunehmend unnütz erscheint, derzeit mit Sachargumenten punkten beziehungsweise irgendjemanden erreichen zu wollen. Denn selbst wenn man sich auf einer Wellenlänge des Denkens wähnt, bleibt allzu oft unklar, aus welchen jeweiligen emotionalen Quellen sich Überzeugungen speisen. Aber das war ja auch schon immer so. Verstehen ist eben eine hochkomplexe Angelegenheit. Ich jedenfalls fand mich plötzlich quasi im Vorbeigehen unter Beschuss. Ich hätte die Kolleginnen angegriffen. Bedrängt. In eine Ecke gestellt. Als „Die Ängstlichen“ tituliert. Womöglich noch über sie gestellt. Es sei ja schließlich nur eine Regel, an die man (also ich) sich einfach halten könne, da gebe es nichts weiter zu diskutieren über Ängste oder so. Viel zu viel Selbsterfahrung. Wir arbeiten hier ja nur. Ich war sprachlos. Und es ging weiter. Ja, diese Mundschutzpflicht würde den Einzelnen schon von der Gruppe isolieren. Aber doch nur symbolisch und nicht wirklich. Da müsse ich mich doch gar nicht ausgeschlossen fühlen. Puh. Das war harter Tobak. Hatte ich im Vorbeigehen gleich noch eine analytische Deutung für meine Ängste kassiert. Ungefragt. Das macht man eigentlich nicht. Zu meiner eigenen Überraschung war ich irgendwie nicht wirklich böse. Was ist schon gewöhnlich in dieser besonderen Situation, in der wir als Gruppe betroffen sind? Und passiert das nicht auch sonst alle Naselang? Diese wie eine Attacke wirkende, fast besinnungslose Selbstverteidigung. Nur der Angst entkommen. Sie in kontrollierbare Reichweite bringen. Ich habe jedenfalls meine Position verteidigt. Radebrechend. Keineswegs überlegen. Ich war schließlich getroffen. Es war mir wichtig zu sagen, dass ich niemanden für seine Angst anprangern wolle, sondern dass es mir darum gehe, die Ängste gemeinsam zu verstehen versuchen. Sich bestenfalls dadurch zu stützen. Bin ich naiv? Stelle ich mir das zu einfach vor? Ich habe doch selbst Angst. Wenn auch nicht vor diesem Virus. Das war dann auch das einzige, was ich gesagt habe. Sagen konnte. Bis ich weinen musste. Über den Gedanken an meinen 9jährigen, der (siehe oben) zunehmend deprivierte. Und es war, als hätten meine Tränen einen reinigenden Effekt. Die Schärfe war weggeblasen. Ich habe etwas mehr über die Ängste der Kolleginnen erfahren. Und über mich. Wir haben tatsächlich alle Angst. Jeder seine eigene. Was ist die gemeinsame? Werden wir sie finden?

Ich werde weiterhin dafür eintreten, dass wir miteinander sprechen. Und einige werden sich von mir ans Licht gezerrt fühlen. Andere werden vielleicht froh sein, dass ich den Mut aufbringe, meine Angst zu benennen. Gefühle nicht scheue. Mit bedecktem Mund müssen wir möglicherweise lauter sprechen, um uns gegenseitig zu hören. Aber ich glaube fest daran, dass es sich lohnen wird, die Stimme zu erheben. Denn wo nicht mehr gesprochen werden kann, wird die Angst übermächtig werden. Und uns davontragen. Wohin, das will ich nicht phantasieren.

Heute habe ich für meine Kleine Wiegenlieder gesungen. Mitten am Tag. Eins nach dem anderen. Wenn von Gott oder Jesus die Rede war in den Texten (und das ist es neben der Natur oft), hat sich etwas in mir beruhigt. Ich will wahrlich nicht einschlafen. Sondern wachsam sein. Genau beobachten, was in der Welt passiert. Und was das mit uns macht. Mich informieren. Regeln befolgen wo nötig. Mich widersetzen wo nötig. Aber ich weiß nicht, ob wir es uns dabei wirklich länger leisten wollen, nicht an Gott zu glauben. Das Weltwissen. Das Schicksal. Oder wie auch immer wir es nennen mögen. Und ich frage mich, ob nicht ein bisschen mehr Demut gut täte. Mir fehlt sie allernorts gerade.

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