Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Schon seit Jahrzehnten gehört zu meinem Leben, mir den Tod in seinen vielfältigen Formen vorzustellen. In Kindertagen phantasierte ich beispielsweise gerne die eigene Beerdigung, wenn ich besonders wütend auf meine Eltern war. Weil ich mich ungerecht behandelt fühlte. In meinen Wünschen nicht gesehen. Enttäuscht worden war. Das Schlimmste, was ich ihnen damals in der Lage zu wünschen war, um meine verletzte Seele zu rächen: den Tod ihres Kindes. Mir in meiner Phantasie blumenreich auszumalen, wie sie sich am offenen Grab grämten, linderte meinen Ärger. Dabei stellte ich mir vor, dass sie nie über diesen Schmerz meines Verlustes hinwegkommen würden. Ihren Gott vielmals um Entschuldigung bitten für die Gräueltaten, die sie an mir verübt hatten. Doch er würde ihnen nicht verzeihen. Meine Rache würde ewig währen. Die einzige Chance zur Erlösung aus ihrem Leid: mein großmütiges Herz und meine Gnade mit ihnen. Ich würde ihnen vergeben. Erst das würde meine Rache komplettieren. Ja, ich war ein pathetisches Kind. Und ein sehr gläubiges noch dazu. Während ich in meiner Phantasie die Eltern mit den eigenen Waffen schlug, war ich doch in hohem Maße identifiziert mit ihrer Art des Glaubens, ihrer Vorstellung von Sünde und Vergebung, ihrer komplexitätsreduzierenden Metaphorik für Beziehungserleben. An der Oberfläche meines Fühlens war ich lange Zeit froh, solche Eltern gehabt zu haben. Von denen ich mit Sicherheit wissen konnte, dass der Tod eines ihrer Kinder das Schlimmste wäre. Aber was heißt das eigentlich in der Tiefe?

In meiner Jugend existierte der Tod nicht. Ich konnte es mir einfach nicht leisten, ihn mir vorzustellen, hatte ich doch genug damit zu tun, Gott erst einmal abzuschaffen. Die Existenz des alten Mannes mit Rauschebart, an den meine Eltern zu glauben schienen, in Frage zu stellen, war des Schreckens genug. Zur gleichen Zeit über die Endlichkeit meines Daseins nachzudenken, wäre einer Überforderung meines schwächlichen pubertären Ichs nahe gekommen. War ihm doch gerade erst die eigene Existenz gewahr geworden. Rückblickend hatte der Tod sich damals vermutlich nur verschleiert. In Form tiefer Sehnsucht nach symbiotischer Vereinigung mit der Welt, während ich Hesses Siddhartha las, Verschmelzung mit der besten Freundin (und wieder der Welt) beim ersten Joint oder einfach einer meiner zahlreichen enthusiastischen Ideen zur Rettung der Menschheit unter Verleugnung basaler Grenzen individueller Möglichkeiten war er wohl auch zu diesen Zeiten ein treuer Begleiter. Das Ich hatte Mühe mit seiner Geburt.

Im jungen Erwachsenenalter erfasste mich die Angst vor dem Tod mit voller Breitseite. Die Idee, irgendwann einfach nicht mehr zu existieren, war mir schlichtweg nicht vorstellbar. Vergleichbar mit dem Versuch, die Unendlichkeit des Weltalls unter gedankliche Kontrolle zu bekommen. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Angst setzte meiner Phantasietätigkeit regelmäßig die Grenze. Dass es mich nicht mehr geben könnte. Die anderen ohne mich. Nein, das war einfach nicht möglich. Wo ich doch gerade begonnen hatte, etwas vom Leben zu wollen. Also wirklich zu wollen. So etwas wie ein Ich zu sein. Meine Angst habe ich damals noch nicht verstanden. Aber bin ihr mit dem Wunsch entgegengetreten, den Tod, wenn er schon auch für mich nicht zu vermeiden sein würde, ihn doch wenigstens als Erlösung erleben zu können. Weil der (körperliche) Schmerz im entscheidenden Moment dann so groß wäre, ein Weiterleben schlichtweg unerträglich. Ich war in meinem bisherigen Leben nie manifest suizidal. Dafür hatte ich immer zu viel Phantasie, mich aus allen erdenklichen Schrecklichkeiten des Lebens hinauszuträumen. Aber rückblickend hatte mich damals wohl eine unaussprechliche Angst vor der eigenen inneren Leere, der seelischen Depression umgetrieben. Allmachtsvorstellungen zur Abwehr derselben waren erstmals wirklich ins Wanken geraten. Die Religion meiner Eltern, mein kindlicher Glaube hat nicht mehr gereicht. Ich habe mich der eigenen (Psycho) Analyse zugewandt. Auf der Suche nach meinem Ich oder was immer zu finden gehofft war. Bin erst einmal gescheitert. Und habe dann doch noch meinen Schmerz kennengelernt. Allerdings erst im fortschreitenden Verlauf als Gewinn. Nach vielen vorausgehenden Kränkungen für das hochmütige kränkliche Ich. Eine Analyse ist nichts für schwache Gemüter. Geholfen hat mir eine Analytikerin, die fähig war, mich als ihre Patientin zu lieben. So waren die Kränkungen und die Scham und all das andere zu ertragen.

Heute bin ich immer noch dabei, mich kennenzulernen. Den Schmerz. Die Scham. Den Hochmut. Den wiederkehrenden läppischen Versuch, die eigenen Abgründe zu erhöhen, um erneute Beschämungen und Kränkungen zu vermeiden. Als ginge es uns nicht allen irgendwie ähnlich. Bezüglich meines Verhältnisses zum Tod bin ich jedenfalls schon etwas bescheidener geworden. Eines ist klar. Er wird mich ereilen. Früher oder später. Nach meinem bisherigen unmäßigen Leben zu urteilen eher früher. Ich hoffe nicht zu früh. Aber was wissen wir schon über den richtigen Zeitpunkt? Ich habe keine Angst mehr, mir mein eigenes Ende vorzustellen. Was mich fast ein wenig überrascht. Ich bin mehr mit dem eigenen Sterben beschäftigt als mit dem Tod. Dieser ist unvermeidlich. Wie die Geburt. Liegt in anderen Händen. Die Art meines Sterbens scheint mir beeinflussbarer. Vielleicht nicht grenzenlos beeinflussbar, aber doch irgendwie ein Prozess. Ähnlich dem Leben. Einlassen und lösen.

Ich fürchte mittlerweile den Tod meiner Kinder. Das schlimmste persönliche Schicksal, das ich mir auszumalen in der Lage bin. Als wäre es dann vorbei mit mir. Mit mir? Tja. Ich habe den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht und werde das heute auch nicht mehr tun. Aber irgendwie haucht mich eine Ahnung an, dass ich mich auch da noch mehr zurückziehen könnte mit meinen Wünschen nach Großartigkeit. Und deren Vererbung. Vielleicht behalte ich einfach mal alles für mich. Ohne es für mich zu behalten.

Ein Gedanke zu “Erben

  1. Paula sagt:

    Spätestens wenn eine schwere, letztlich tödliche, Krankheit einen ereilt, wird der Tod realer und rückt mehr in die Nähe der Vorstellung. Das Gute daran: keine Zeit mehr zu verschwenden wird dann oberstes Ziel.

    Liken

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