Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Liebe Selbsterfahrungsgruppe,

Ich werde nicht am nächsten Wochenende per Videoschaltung teilnehmen. Sehr früh schon habe ich im Institut nachgefragt, was es für Ideen zum Umgang mit der Pandemie, den Corona-Regeln gibt. Dadurch weiß ich schon sehr lange, dass die nun zu realisierende technische Variante in Planung war und hatte bis heute dementsprechend viel Zeit, mich mit meinen Gefühlen und Gedanken dahingehend auseinanderzusetzen. Mein erstes Gefühl war Wut. Passend zu mir als Persönlichkeit vermutlich, denn eines wird mir von Woche zu Woche klarer bei allem Unklaren derzeit. Diese gesellschaftliche „Krise“ (oder Krisensituation, ich weiß nicht recht, wie ich es nennen soll) lässt die eigenen verdeckten Ängste, Traurigkeiten, Sehnsüchte, Verletzungen und aber auch versteckten Potentiale wie durch ein Vergrößerungsglas erscheinen. Nichts wirklich Neues, aber erkennbarer. Man muss schon die Augen zukneifen, will  man an sich vorbeikommen. So erlebe ich es. Also erst Wut. Wie kann ein Institut für Gruppenanalyse in Zeiten wie diesen ohne auch nur den Hauch eines Interesses dafür, wie die Teilnehmer das sehen, eine digitale Variante aus dem Hut zaubern und mir dies noch vermitteln als etwas, was „modern“ ist und eine Herausforderung, ja, aber vielleicht auch eine Chance. Es ist Krise. Und da geht plötzlich alles, was bisher undenkbar war. Und das unglaublich schnell. Und per Entscheidung durch einige wenige Verantwortliche. Dass das in der Politik gerade so sein muss und nicht die breite Masse gefragt werden kann, also nicht der rechte Zeitpunkt für Basisdemokratie ist, okay. Eventuell. Aber in einem analytischen Institut? Ohne Diskussion. Ohne Reflexion. Ohne Chance, sich einzustellen. Nein. Widerstand. Aber so richtig. Es geht nicht alles, was machbar ist. Und ich will nicht. Keine Selbsterfahrung in der Gruppe per Videokonferenz. Nein. Nein. Nein. Das geht mir alles viel zu schnell. Und ich bin ja sonst nicht gerade langsam. Aber hier bleibt mir plötzlich keine Zeit. Keine Zeit fürs Trauern. Keine Zeit fürs Vermissen. Keine Zeit für den Mangel. Ich will wenigstens ein Wochenende trauern über das, was nicht geht. Ich will nicht sofort ein Taschentuch. Ein Trostpflaster. Ein Bonbon. Vielleicht im Sommer. Aber nicht schon jetzt. Nein. Für die Trauer war noch kein Platz. Ich kann mich doch trotzdem im Kontakt fühlen. Auch im Nicht-Miteinander-Sein, sondern im Aneinander-Denken, im Vermissen. Das hält vielleicht nicht ewig. Aber lang genug, um traurig zu sein. Wird das der Gruppe nicht zugetraut? Ist das völlig unrealistisch?

Nach einer Weile und nach viel Austausch mit Kollegen habe ich begonnen, mich dem Gedanken der digitalen Selbsterfahrung mehr zu öffnen. Nicht so rückständig zu sein. Naja. Ich habe es ein bisschen versucht. Habe mir vorgestellt, wie ich vor dem Bildschirm sitzen würde. Mit der Gruppe. Vermutlich in meinem kleinen Praxisraum, denn zuhause wäre das nicht denkbar. Bei all dem Alltagsgewusel. Der Intimität des Außen. In der Praxis dafür schlechtes W-Lan, schlechtes Netz für Mobilfunk, somit keine Notfallkontakte bei Ausfall der Technik möglich. Was, wenn die Verbindung abbricht? Ja, was dann? Aber auch das passiert natürlich unabhängig von Videokonferenzen. Dass der innere Kontakt abbricht meine ich. Und doch sind dann nicht gleich alle weg. Zudem säße ich an meinem Arbeitsplatz. Wo ich ansonsten die Therapeutin bin. All meine Patienten sind also auch gleich mit dabei in der Gruppe. Naja, sind sie ja eh, mag man denken. In mir. Was schreckt mich eigentlich? In den ersten Wochen der Epidemie haben wir als Familie viel geskypt mit den Großeltern, eher selten mit Freunden. Ich bin nicht vollständig technikfeindlich. Überhaupt nicht. Das geht. Es ist ein Notbehelf für eine kurze Übergangszeit. Oder für organisatorische Treffen, die ergebnisorientiert sind. Aber mir vorzustellen, meine Selbsterfahrungsgruppe so zu treffen, die Menschen also, die für mich im letzten Jahr ein so wertvoller Ort geworden sind, um meiner Einsamkeit zu begegnen, neue Hoffnung zu schöpfen, dass ich mich doch auf einer tieferen Ebene als Teil einer Gruppe, in Verbindung mit etwas Größerem fühlen kann. Meiner großen Hemmung, wirklich ehrlich zu sein. Mich zu zeigen mit meinen Phantasien. Trotz Scham. Mit Scham. Meine Aggressionen erleben zu dürfen. Und meine Ängste. Und über das Gruppenunbewusste dadurch auf eine nicht gekannte Art und Weise mit etwas in Kontakt zu kommen, was seit dem Verlassen der elterlichen Religionsgemeinschaft unerreichbar und verloren schien. Nein. Immer noch nein. Keine Videokonferenz. Ich habe mich dem Gedanken nicht wirklich geöffnet. Die Widerstände sind viel zu groß. Ich will nicht mit meinem Körper allein in einem Raum sitzen. Ich habe viel Phantasie. Aber so viel nicht, dass ich mir vorstellen könnte, dass ich mich nicht sehr einsam fühlen würde. Und niemand neben mir, der auf einer tiefen Ebene mitfühlt. Selbst, wenn er vielleicht etwas anderes sagt. Und ich denke ja durchaus, dass es bedeutsam ist, die eigene Einsamkeit (und zwar nicht nur die neurotische) wirklich erleben zu können. Ich glaube daran, dass sie so etwas wie die Conditio humana ist. Ein Umstand, an dem keiner vorbei kommt oder beim oberflächlichen Versuch, sich zu trösten immer nur sehnsüchtig bleiben kann. Aber nicht so. Nein. Nicht so. Oder doch? Würde ich so einfach nur früher etwas verstehen, was im Leben eh verstanden werden muss? Dass auch eine haltgebende Gruppe mich nicht vor der letzten Einsamkeit rettet? Ist das die Chance der Videokonferenz für mich? Zu erkennen, dass jeglicher Glaube nur ein Rettungsanker sein kann? Und von daher auch eine Videoschaltung ausreichend Selbsterfahrungsaspekte bietet? Dass eh alles in mir ist und die anderen lediglich Projektionsfelder meiner Selbstanteile? Lerne ich diese vielleicht schneller kennen, wenn ich sie aufgereiht auf einem Bildschirm nebeneinander sehe? Soll ich doch teilnehmen?

Es gibt noch den politischen Aspekt. Meine Haltung zum derzeitigen Handlungsablauf in der Welt. Ich habe keine Angst vor Corona. Respekt ja. Aber keine Angst. Nie gehabt. Ich bin keine Verschwörungstheoretikerin. Ich habe keine klare Meinung zur Einschätzung der medizinischen Gefahr für die Großgruppe. Ich glaube, dass sie eher überschätzt wird. Wegen all der schrecklichen Bilder, die uns aus anderen Ländern ereilen. Und der glaubwürdigen Experten. Und den Bildern. Und der Angst vor dem Tod, die zu lange keine Rolle mehr gespielt hat.  Ich weiß nicht, ob die deutsche Angst eine reale oder eine neurotische oder sogar paranoide ist. Mein Gefühl sagt mir derzeit eher letzteres. Und dass es nicht um Corona geht. Sondern um eine viel tiefere Krise. Die vielleicht im Weitesten auch damit zu tun hat, dass wir als moderne, wohlhabende Menschen die Fähigkeit, depressiv zu sein, verlernt zu haben scheinen. Größer, höher, weiter. Wachstum auf allen Ebenen. Alles ist machbar. Alles ist denkbar. Umsetzbar. Bezahlbar. Fühlbar. Tolerierbar. Ich hätte es überhaupt kein Problem gefunden, nur für einen langen Tag zu kommen. Ohne Hotel. So dass wir in Kontakt bleiben. Mit genug Abstand. Meinetwegen Mundschutz. Aber mit Körper. Oder dass wir eine Art schreibenden Austausch etablieren, wo jeder – so wie ich es mir jetzt erlaube – ausführlich seine Gedanken mitteilen kann und wir so in Kontakt bleiben. Ich finde es aber noch wichtiger, traurig zu sein darüber, dass etwas nicht geht. Wir uns vermissen werden. Es gut wäre, wenn alles normal wäre. Ich wäre wirklich sehr gerne in Kontakt, denn was seit unserem letzten Treffen in meinem Leben alles in Bewegung gekommen ist, würde ich gerne erzählen. Ja, ich versuche mich in meiner individuellen und immer wieder verloren gehenden Fähigkeit, depressiv zu sein. Grenzen des Möglichen zu erfahren. Das Unmögliche zu betrauern. Um mir dann neue Möglichkeiten zu erobern.

Lange hätte ich diese geplante Videokonferenz nie und nimmer absagen können. Jetzt denke ich, kann ich damit leben, nicht dabei zu sein. Ohne zu wissen, ob ich die einzige „Ungläubige“ bin und ohne zu wissen, was das mit mir und meinem Verhältnis zur Gruppe macht. Ich weiß nicht, ob mich an dem Wochenende dann doch noch die Angst ereilen wird. Die Furcht davor, dass mir etwas ganz Grundlegendes fehlt. Ich nie wieder zurückkehren kann. Was weiß ich denn schon, was hätte sein können, wenn ich nur gekommen wäre. Mich nicht verweigern würde. Der Leiterin, welche ich wirklich schätze, mehr vertrauen könnte, die es ja offensichtlich mitträgt oder sogar befürwortet? Der innere Widerstand ist zu groß. Ich werde irgendwie mit der Gruppe beschäftigt sein in zwei Wochen. Wie weiß ich noch nicht. Mein Nein hat sich nach langem Nachdenken verändert. Aber es ist ein Nein geblieben. Ich hoffe inständig, dass das Institut reale Sitzungen anstrebt, sobald die Hotels wieder öffnen. Dass es keine paranoiden Ängste sind, die zukünftige Begegnung verhindern werden, sondern wirklich „nur“ die kritischen Umstände. Und ich hoffe, dass die Umstände an sich nicht paranoid sind. Das hoffe ich wirklich. Denn wenn das ganze Leid, das wir aktuell produzieren, mehrheitlich paranoiden Ängsten geschuldet sein sollte, wovon einige ja jetzt schon überzeugt sind, dann steht und fällt der Fortgang dieser ganzen Krise damit, ob es uns als Gruppe gelingen kann, Irrtümer einzuräumen, auf Rechthabereien zu verzichten, irreale Ängste zu benennen, schamvollen Gefühlen zu begegnen, ohne uns dabei erneut gegenseitig zu beschämen, neue irreale Ängste zu produzieren, neue Irrtümer zu schaffen. Damit mir persönlich das ansatzweise gelingen kann in meinem Leben mit den Menschen, die mich betreffen, baue ich viel Hoffnung in ein Ausbildungsinstitut, das Selbsterfahrung in der Gruppe verspricht. Denn ich will eigentlich wiederkommen und mich damit beschäftigen, was mein persönlicher Konflikt mit der Gruppe ist und wofür mir diese Videokonferenz in Zeiten von Corona vielleicht auch gelegen kommt. Diese Auseinandersetzung mit meinen inneren Konflikten möchte ich aber real führen. Körperlich. Nicht virtuell. Vielleicht bin ich einfach nur altmodisch. So könnte es sein.

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