Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Heute morgen beim Frühstück. Als die Kinder nutellaverschmiert in alle Himmelsrichtungen verschwunden waren, bot sich eine gute Gelegenheit. Mal wieder reden. Über etwas wirklich Relevantes. Ich hatte einen spontanen Gedanken. „Sag mal, wie wäre es denn, wenn du in dieser Coronazeit einfach auf 50% reduzierst bei der Arbeit? Du kannst ja eh keine Termine an Schulen wahrnehmen und hast daher nicht so viel zu tun. Hättest dann nicht so viel Stress wegen fehlender Arbeitsstunden. Wann der Kindergarten öffnet, ist ja eh völlig ungewiss. Und dann müsstest du nicht am Samstag arbeiten.“ Klingt erst einmal harmlos? Dachte ich auch. Doch der Blutdruck auf der anderen Seite des Tisches ging schlagartig in die Höhe. Wobei. Stimmt eigentlich nicht. Er sah irgendwie ganz cool aus. Ich war diejenige, die nach dem vertrauen Muster dabei war, in Wallung zu geraten. Denn sein Blick, seine ganze Haltung, sein lässiges, auf maximale Anspannung hindeutendes Luftholen, bevor er zur Antwort ansetzte, verhieß eines mit Sicherheit. Meine Bemerkung war alles andere als harmlos. Sie war ein Angriff auf das Mauerwerk hinter der emanzipierten Fassade des Mannes, mit dem ich mein Leben teile. Da ich ihn gut kenne und wir diesen Diskurs seit Jahren führen, war ich wenig überrascht. Wobei ich jedes Mal aufs Neue zusammenzucke ob der Heftigkeit seiner seelischen Tiefenreaktion und vor allem der Hartnäckigkeit dieser wenig variantenreichen Regung, wenn es um eben seine Arbeit geht. Ich musste mir also erst einmal einen Berg an Vorwürfen gefallen lassen. Das sei ja wohl keinesfalls eine nebensächliche Bemerkung, die man einfach mal so machen könne. Ich wisse doch genau, wie gern er bei der Arbeit sei. Nur, weil er gemessen an meiner Arbeitsfreude vielleicht etwas weniger motiviert sei. Und er wolle nun wirklich nicht noch mehr mit den Kindern sein. Und das hieße es ja wohl. Das wäre doch, was ich meinte. Er solle seine freiwerdende Zeit zuhause hinterm Herd verbringen. Das sei offensichtlich meine Vorstellung von Emanzipation. Einfach die Verhältnisse aus vorigen Jahrhunderten umdrehen. So stelle er sich das aber nicht vor. Und das sei doch nur ein Ausdruck meiner aggressiven Strategie, immer mehr zu wollen, nicht genug zu kriegen, nirgends verzichten zu wollen. Ja. Guter Punkt. Er könnte damit durchaus recht haben. Vernünftige Vorwürfe. In der Vergangenheit hatte das auch schon mit Sicherheit das ein oder andere Mal gestimmt. Hatte ich wirklich eher häufiger als selten zu diversen manipulativen Trickmitteln gegriffen, um meinen Bedürfnissen, welche ich nicht offen zu benennen und einzufordern wagte, auf indirektem Weg Geltung zu verschaffen. Da würde mir sicher die ein oder andere unlautere Vorgehensweise aus vergangenen Tagen einfallen. Ich bin da schon gewieft. Aber heute nicht. Heute war ich wirklich harmlos. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass in meiner Frage etwas Fürsorgliches enthalten war. Die intuitive Idee, dass ihm das ziemlich gut gefallen könnte. Mehr Zeit zu haben. Auch für die Kinder. Aber nicht nur. Vielleicht auch für Freunde. Musik. Lesen. Denken. Nebengedanken. Nichtstun. Und zudem. Der Gedanke, dass ich dann WIRKLICH die finanzielle Hauptlast unseres Familieneinkommens tragen würde, beglückt mich bei erster innerer Prüfung nicht unbedingt. Er macht mir eher Angst. Das ist irgendwie verrückt. Noch nicht lange, aber doch nun schon einige Zeit, genauergesagt seit ich nach der Geburt unserer Tochter (3 Jahre) jobmäßig zweigleisig fahre, bin ich die Hauptverdienerin unserer Lebensgemeinschaft. Auf dem Papier. Den Zahlen nach. Nicht aber in meiner scheinbar ziemlich traditionalistischen Frauenseele. Da pflege ich weiterhin das Bild der sogenannten Zuverdienerin. Zwar notwendig und nicht nur zur Luxusaustattung des Badezimmers gedacht. Aber dennoch. Irgendwie nicht hauptverantwortlich. Das ist doch seltsam. Was geht da vor sich? Wo klaffen da die Wirklichkeit und der Phantasieraum auseinander?

Zurück zum Frühstückstisch. Heute ging es also nicht um meine Manipulationen. Zumindest nicht vorranging. Zweideutigkeiten lassen sich in jeder Form der Kommunikation aufspüren. Er ist übrigens nicht weniger gewieft dahingehend. Vor allem, wenn es – wie heute morgen geschehen – um die Verteidigung verbriefter männlicher Grundrechte geht. Ob er selbst unter diesen ererbten Verantwortlichkeiten leidet oder nicht ist dabei nebensächlich. Adel verpflichtet. Auch wenn das Adelsgeschlecht am Aussterben ist. Vielleicht gerade dann. Was regst du dich denn so auf?, fragte ich. Es hat sich verdammt gut angefühlt, mich innerlich so abgrenzen zu können. Das war lange echt anders. Da wäre ich spätestens nach seinem zweiten Versuch, mich eindeutig als den Aggressor zu identifizieren, eingeknickt. Hätte den Rest des Tages vermutlich sein jegliches Handeln mit klagenden Vorwürfen begleitet. Die aber aus einer so grundlegend unterworfenen Position heraus vor mich hin geklagt geworden wären, dass er sie ohne viel Aufwand hätte ignorieren können. Und auch meist getan hatte. Nicht so heute. Ich fühlte mich in meiner Frage relativ frei von unlauteren Motiven. Es war eine Frage. Eine Idee. Das spürte er schnell. Es gab kein Durchkommen. Und er ist keineswegs uneinsichtig. Nie gewesen. Nur müssen ihn meine Argumente schon überzeugen. Nein. Argumente ist das falsche Wort. Es ist eher die innere Haltung, um die es geht. Meine Standfestigkeit. Meine Selbstüberzeugung, welche die Argumente begleiten. Wenn all das da ist, verweigert er sich nicht. Auch dieses Mal nicht. Er konnte sagen, welche große Angst ihm das eigentlich macht. Die Vorstellung, möglicherweise nicht mehr autonom zu sein. Sich – wenn auch nur kurzfristig – in eine Abhängigkeitssituation mir gegenüber begeben zu müssen. Allein die Vorstellung. Allein der Ansatz dieser Vorstellung. Da könne er gar nicht weiterdenken. Wolle das nur auf der konkreten Ebene abwenden. Auf keinen Fall weniger arbeiten. Nein. Nicht noch weniger als eh schon. Wir leben ja an der Oberfläche betrachtet sehr gleichberechtigt. Sehr vorbildlich. Uns kann man nicht so leicht patriarchales Gedankengut vorwerfen. Da muss man genau hingucken. Und das macht ja niemand. Ginge ja möglicherweise gegen das eigene Selbstbild einer modernen jungen Familie, eines urbanen gebildeten Paares. Seine Eltern werden übrigens nicht müde, Lobreden auf unsere ach so emanzipierte Beziehungsgestaltung zu halten. Diese ausgewogene Balance im Familienleben. Wo jeder zu seinem Recht kommt. Es wäre ein ziemlich Leichtes, sich einlullen zu lassen. Vom wohltönenden Klang dieser Streicheleinheiten für die narzisstische Bedürftigkeit. Doch um was geht es hier eigentlich? Von was dürfen wir uns befreien? Und was soll bitte genau so bleiben wie es immer schon war. Und warum? Ich muss weiter forschen. Wir müssen weiter forschen. Damit die Emanzipation nicht am Ende des Tages an der Schwelle zum Schlafzimmer endet. Denn da geht es erst richtig los. Wie gesagt. Ich bin auf der Suche nach dem Begehren. In allererster Linie nach meinem. Dem einer Frau also. Aber vielleicht wollen die Männer ja auch etwas. Die Geschlechterdifferenz verläuft innerhalb eines Individuums, nicht zwischen Mann und Frau. Das ist der Gedanke, an dem ich weiter langdenken will.

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