Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

…beziehungsweise wann es Zeit ist, sich zu trennen, um wieder Hoffnung zu finden für das eigene Leben. Und warum manche Trennungen wiederum besser vermieden werden sollten, weil es danach auch nicht besser wird. Und der verlorene Partner die Chance fürs Leben gewesen wäre. Ein selbständiges. Das eigene.

Ein etwas langatmiger Titel. Aber ich muss mich absichern. Ich sagte es schon an früherer Stelle. Es kommt mir als Frau nicht ganz ungefährlich vor, über Sex laut nachzudenken. Und über Beziehungen. Über das Alltägliche, das jeden angeht. Weil es alle berührt. Im positiven wie im negativen. Es geht um Sex. Und es geht um viel mehr. Es geht um Alles. Weil im Sex alles drin ist. Und ich meine wirklich alles. Deswegen interessiert es ja alle. Fast alle. Vielleicht täusche ich mich und es hat überhaupt gar nichts mit meinem Frausein zu tun, dass es so schwer fällt, laut über Sexualität nachzudenken. Und ich leide nur an meiner ganz persönlichen Angst dahingehend. Angst also, über ein so großes Feld nachzudenken. Weil mir beim Schreiben der konkrete und direkte Resonanzraum eines Gegenübers fehlt, in dem ich mich ausbreiten kann oder aber begrenzt werde. Und daher selbst ausloten muss, wie frei ich mich fühle. Was wird also passieren, wenn ich mir mein Publikum, meinen Resonanzraum selbst gestalte? Habe ich genug Vertrauen, dass ich ihn finden kann? Genug aufgenommen werde. Genug begrenzt. Eine mir verträgliche Mischung. Das mit dem Ausbreiten ist mir nicht besonders vertraut. Und daher eher etwas einschüchternd. Das mit der Begrenzung kenne ich schon etwas besser. Diese eindrückliche Erfahrung, wo einem im Kontakt mit jemandem mittels unscheinbarster Mittel wirkungsvoll deutlich wird: Jetzt ist Schluss. Ab diesem Punkt ist mit mir nicht mehr zu reden. Das geht mir zu weit. Du gehst mir zu weit. Ich gehe mir zu weit. Wer geht zu weit. Es wird unübersichtlich. Ununterscheidbar. Und dann kommt sie und kriecht durch alle Ritzen. Die Scham. Über Jahre meine beste Freundin. Großes Gegenteil von Begehren. Erstickt jegliches Weitersuchen sozusagen im Keim. Weil die dringend notwendige Distanznahme nicht mehr gelingt. Wem wurde was eigentlich gerade zu viel? Da sitzen wir nun voreinander und wissen nicht weiter. Und beide sind wir einsam. Gefangen im jeweils eigenen Gefängnis. Wohlbehütet von der Scham. Ein wirksameres Baumaterial als so manch anderes Mauerwerk.

Dabei ist es so verdammt wenig aussichtsreich, das Begehren alleine finden zu wollen. Dieses Etwas, das sich eben gerade im Zwischen inszeniert, nicht in der beschämten Einsamkeit. Ich bin zutiefst überzeugt, dass ich mein Begehren nicht finden werde, wenn ich mich nicht wirklich in Bezug setze zu einem Anderen. Wenn ich den Gedanken nicht zulasse, dass mein Fühlen, mein Denken, ja mein ganzes Sein nur in Relation gedacht werden kann. Egal, wie sehr ich mir die Unabhängigkeit einreden will. Egal, wie lange ich meditiert habe. Egal, wieviele Stunden Selbsterfahrung ich hinter mich gebracht habe. Die Basis meiner Existenz bleibt abhängig. Es ist die Grundstruktur, an der ich nicht vorbeikomme. Da kann ich mich querlegen oder auf den Kopf stellen. Es gibt keinen Weg daran vorbei. Und ich habe wirklich schon viel versucht beim Versuch, ihr zu entgehen. Zu entkommen. Sie zu ignorieren. Zu verleugnen. Besitzen zu wollen. Nichts war erfolgreich. Auch nicht annähernd. Mittlerweile denke ich, dass es nichts weiter ist als eine süße Illusion. Zu denken, die gerade erreichten Grenzen seien lediglich die Grenzen des anderen. Und es bräuchte nur den oder die oder das richtige/n Andere/n (den Traumprinzen, bessere Eltern, den richtigen Therapeuten, das ultimative Ratgeberbuch, einfühlsamere Mitmenschen, weniger Kapitalismus, eine bessere Regierung, ein Kind, den Traumprinzen – ah, ich wiederhole mich), um ans Ziel der eigenen Träume zu gelangen. Zu wirklicher Selbständigkeit. Schon, ja. Teilweise. Es braucht schon Menschen und Strukturen, die in einem gewissen Maße beweglich sind. Beweglicher als man selbst. Zumindest in anderen Bereichen. Aber vor allem geht es darum, die eigenen Unbeweglichkeiten zu erforschen. Es sind die eigenen Grenzen, die mich bei der Suche nach dem Begehren beschäftigen. Diese tausende von inneren Hindernissen, die mich offensichtlich davon abhalten, die Verantwortung für mein eigenes Wollen, meine Lust, meine Aggressivität, meine Triebhaftigkeit zu übernehmen. Für meine zum anderen hinstrebenden, verbindenden aber auch die distanzierenden, trennenden Bewegungen. Mein Begehren hat die Scham noch nicht überwunden. Und die Angst auch noch nicht, wie ich gerade heute wieder einmal gemerkt habe. Und es ist mitunter nicht leicht, das eine vom anderen zu unterscheiden. Vor allem nicht, was da nun wessen ist. Warst es du oder doch ich? Wer hat eingeladen und wer hat zuerst Stop gesagt hat? Tja.

Die Grenzen, die ich nicht überwinden kann, halten mich gefangen. Es gibt zwar diese Spuren von Sehnsucht. Unübersehbar. Muss nicht lange suchen, stolpere die ganze Zeit drüber. Diese Träume. Diese erdachten Leidenschaften. Wo es ein Leichtes scheint, sattel- und zügellos davonzureiten auf dem galoppierenden Schimmel. Im Arm des Traumprinzen. Ins Land der Glückseligkeit. Wo der Genuss in Freiheit auf mich wartet. Aber wo ist nur dieser verdammte Grenzübergang zwischen Phantasie und Wirklichkeit? Eine gewichtige Frage meines Lebens. Vielleicht die Grundlage meiner ganzen Suche. Ich will die Grenzen in mir selbst aufspüren. Es drängt mich vorwärts. Denn erst wenn ich da stehe. Wirklich davor. Sie mir anschauen kann. Dann kann ich entscheiden, ob ich sie überschreiten will. Und kann. Oder ob sie zu bedrohlich sind. Das Land dahinter zu gefährlich scheint. Zu unberechenbar. Zu weit. Meine Angst doch zu groß. Die Scham unüberwindbar. Oder ob ich mutiger bin als gefürchtet (oder gehofft). Mein Begehren groß genug. Wo sind sie also? Diese Grenzlinien der individuellen und kollektiven Konvention. Tief eingeschrieben in mein körperseelisches Dasein.

Puh.

Will ich wirklich weiterschreiben? Es stünde dann da. Kann nicht zurückgenommen werden. Das Begehren wäre nicht mehr zu leugnen. Dabei ist genau das eine zentrale Komponente weiblicher Kernkompetenz. Und ich meine nicht, dass Frauen darin besser wären als Männer. Ich will es dennoch weiblich nennen. Die Verleugnung eigenen Begehrens. Die Basis der eigenen Existenz. Das Wollen. Die Lust am Anderen und am Leben, was für mich im Grunde genommen das gleiche ist, wenn auch nicht allzu konkretistisch zu denken. Ich spreche nicht von den Trieben (auch wenn ich unter anderem durchaus Sex im Kopf habe). Ich habe das Konzept der reinen Triebe als Basis unseres Lebens nie verstanden. Ich glaube auch nicht daran. Ich glaube nicht an die Sinnhaftigkeit von Sex ohne Liebe. Und ich bin bei Weitem nicht davon überzeugt, dass man jeden Sexualpartner heiraten muss, bitte nicht missverstehen. Die Korrelation scheint mir da nicht signifikant genug. Also. Ich meine nicht, dass wir nicht drängende Regungen in uns tragen, welche an unsere tierische Natur erinnern. Oder mit dieser vielmehr identisch sind, da die Frage der Menschlichkeit ja noch in den Kinderschuhen steckt. Die Schicht der Zivilisation dünn ist. Was aber schon mein Bild vom Menschen als Menschen prägt ist die Überzeugung, dass Triebe alleine uns nie am Leben halten würden. Der Trieb zu essen, zu ruhen, auszuscheiden, sich fortzupflanzen. Nichts von alledem ist für mich ohne den Bezug zu einem anderen menschlichen Wesen denkbar und von eigenständigem Wert. Weshalb der Trieb für sich genommen für mich völlig ohne Interesse bleibt. Mich interessiert sozusagen nur der Trieb in Bezogenheit, welche sich meiner Ansicht nach in der noch so pervertierten Form seiner Ausprägung finden lässt. Kurze Beispiele, was mich nicht interessiert. Die Diskussion, ob Männer oder Frauen aufgrund ihrer unterschiedlichen hormonellen Grundausstattung unterschiedliche Sexualtriebe haben. Bullshit. Da bin ich schon ausgestiegen. Wollt ihr mich für blöd verkaufen? Was genau soll damit begründet werden? Dass Männer sich nicht schlecht fühlen müssen, wenn sie mehr funktionalen Sex wollen als Frauen. Die sie aber dafür gerne gebrauchen wollten. Und die sich dafür auch gebrauchen lassen. Was auch immer dieses „dafür“ jeweils ist. Und ich spreche nicht von Vergewaltigungen. Sondern von alltäglichen körperlichen Begegnungen zwischen Männern und Frauen, die ohne Begehren aneinander und füreinander vollzogen werden. Ich denke an Mehrheitssex. An das, was uns in unserer Gesellschaft an jeder Ecke vorgeführt wird. Sexualität als zu erwerbendes Konsumprodukt. Und ich hoffe, dass mir niemand erzählen will, dass das öffentlich Sichtbare ja nicht das ist, was bis in die Schlafzimmer der Individuen hineinreicht. Nein? Ich beglückwünsche jeden, der das felsenfest von sich behaupten kann. Aber wahrscheinlicher ist der Selbstbetrug. Denn dass über Sexualität nicht gesprochen werden kann, zumindest nicht mit dem eigenen Partner, ist nach wie vor die Lebensrealität der meisten Menschen, die ich kenne. Und allein von Berufs wegen kenne ich ziemlich viele ziemlich intim. Und ich kenne mich ziemlich intim. Und ich bin eine Frau, die viel spricht. Manchen zu viel. Und dennoch. An der Basis des Lebens fehlen einfach die Worte zu oft. Ist die Angewiesenheit auf den anderen zu groß. Überwältigend groß. Und wenn man nicht das Glück hat, den Traumprinzen gefunden zu haben, mit dem die unbewusste Kommunikation im Schlafzimmer und dann auch noch die bewusste Kommunikation am Frühstückstisch flutscht…Naja. Meine Meinung zu Traumprinzen und der Wahrscheinlichkeit deren Existenz habe ich an früherer Stelle kundgetan. Wahrscheinlicher scheint mir, dass es den meisten hetero-, homo-, bi- und sonstwiesexuellen Paaren, die kürzere oder längere Zeit miteinander verbringen, ähnlich geht wie mir. Dass die Lust der Eingang in die wie auch immer geartete Beziehung zu einem anderen Menschen war, im Verlauf hart auf die Probe gestellt wird und letztlich deren Fehlen häufig zur Krise oder zum Ende der Verbindung führt. (Und man könnte von realem Sex hier durchaus abstrahieren und „Lust“ müsste natürlich auch näher definiert werden.) Meine Hypothese. Es fehlt nicht an der Lust. Diese scheint mir ein eher oberflächliches Erleben zu sein, vielleicht sogar als Zufallsprodukt zu bezeichnen. Was das Zusammentreffen bei zunehmender Anzahl der Beteiligten (zwei sind da schon als viel zu betrachten) und Wegfallen des Fremdheitsreizes immer unwahrscheinlicher werden lässt. Es ist nicht die fehlende Lust das Problem. Es scheint mir eher am Begehren zu fehlen. Gedacht als eine nie endende Frage nach dem eigenen Wollen. Wobei die Suche nach einer Antwort die Beziehung zu sich selbst und der Welt der anderen (oder vielmehr umgekehrt) immer wieder erneuert. Nie als gesichert angesehen wird, sondern ausreichend Überraschungen geschehen dürfen. An der fehlenden Lust mit einem anderen zu leiden und sie nicht als das eigene fehlende Begehren zu erkennen, kann quasi nur im Ende der Beziehung enden. Und manchmal muss es das auch, damit etwas Neues entstehen kann. Aber ein kapitaler Fehler bestünde darin, lediglich das Gegenüber als das Problem der Sache auszumachen. Sich in Traumprinze(ssinne)nphantasien zu verlieren. Einen Partner zu idealisieren, der das Begehren in der Zukunft ausgraben soll. Mich sozusagen entdecken. Niemand wird mich aber entdecken, wenn ich nicht gefunden werden will. Mich nicht zeige. Niemand wird mich ausgraben, wenn ich mich selbst schon für tot halte. Oder wenn ich mich in Strukturen begeben habe, die keinen Perspektivwechsel ermöglichen. Ich werde mein Begehren nicht ausschließlich mit einem Menschen in einer monogamen Ehe finden, die keinen Raum für Geliebte zulässt. Und auch da spreche ich nicht davon, dass sexuelle Treue nicht durchaus Vorzüge hat, die es gut abzuwägen gilt. Aber das Herz hat viele Kammern und diese lassen sich nicht durch konventionelle Vorgaben abdichten. Nur, um nicht in Versuchung zu kommen. Und dann möglicherweise das zu verlieren, an dem ich gelitten habe. Denn schließlich ist das eigene Leid vertraut. Warum also etwas ändern?

Als Frau über weibliche Lust zu schreiben heißt für mich, gegen eine Lüge anzuschreiben. Viele Lügen. Gegen zahlreiche Festschreibungen, die scheinbar zwischen den Geschlechtern verlaufen. Dabei habe ich mich über Jahre hinweg selbst belogen. Über meine eigenen inneren Zwiespältigkeiten. Die Unvereinbarkeit meiner männlichen und meiner weiblichen Seele. Die durch diese innerseelisch verlaufende Spaltung nach außen verlagerte Projektion auf DEN Mann, DIE Männer. Dabei mein eigenes (männliches?) Machtstreben in Beziehungen. Mein (weibliches?) Kontrollbedürfnis. Meine zahlreichen Sicherheitsgurte. Meine (weiblichen) Manipulationen. Meine narzisstische Überlegenheit. Schön cachiert in Unterwerfungsgesten den Männern gegenüber. Und ich meine nicht die offensichtlichen. Die Trias Kochen, Putzen, Kinderhüten ist nicht so mein Hauptinteresse. Aber ich bin gut darin, meine (weiblichen?) Beziehungskompetenzen, meine hohe soziale Intelligenz im Dienste der unsichtbaren (männlichen?) Macht zu nutzen. Und bitte: Ich habe das nicht bewusst getan. Ansonsten würde ich mich hüten, darüber zu schreiben. Denn dann wäre ich eine gestörte Soziopathin. Das bin ich nicht. Nein. Es ist passiert. Weil ich es so gelernt habe. Nicht nur von meiner Mutter. Aber auch von ihr. Und von meinem Vater. Und von vielen anderen Menschen, die mich in unsere Kultur eingeführt haben. Es ist nicht mein Ansinnen, die eigene Geschichte bis heute umzuschreiben. Höchstens den weiteren Verlauf zu beeinflussen. Ja, das wäre schön. Was steht am Universitätshauptgebäude meiner Heimatstadt. Die Wahrheit wird euch frei machen. Mich hat dieser Spruch auf den alten Mauern der Philosophischen Fakultät immer schon sehr berührt. Auch wenn ich die Wahrheit nicht in den heiligen Hallen der Universität gefunden habe. Genausowenig wie in der Religion. Auch nicht in der Psychoanalyse. Oder nur ein bisschen davon. Und überhaupt. Ich bin immer wieder sehr am Zweifeln über die Frage der Wahrheit. Am wahrscheinlichsten scheint mir aktuell, dass ich sie in mir finden werde. Und zwar immer wieder neu. Weil sie sich verändert, wenn sie auf die Wahrheit anderer trifft. Ich wünsche mir am meisten, den Wahrheiten anderer Menschen zu begegnen. Auch wenn ich mich immer ein wenig fürchte davor, beschämt zu sein über meine bisherige Beschränktheiten. Aber von weiteren Lügen habe ich irgendwie genug.

Muss ich den Titel eigentlich verändern oder passt das so?

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