Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Liebe M., als meine Familie gerade zehn Minuten zuvor die Wohnung verlassen hatte, ich mich zum ersten Mal seit geschlagenen neun Tagen im neuen Zuhause alleine wiederfand, schon vorauseilend zu fürchten begann, ob ich die vor mir liegenden Stunden wirklich so würde füllen können wie ich es die ganzen zurückliegenden Stunden ersehnt hatte. Just in diesem Moment kamen deine Nachrichten. Mein Herz blühte schlagartig auf. Als lüftete sich für einen kurzen Augenblick ein dicker Vorhang, der in der letzten Woche darüber gefallen war. Schnell räumte ich das Bügelbrett aus der Mitte des Wohnzimmers in den Verschlag im Flur. Verbannte die letzten Reste meines morgendlich-hausfraulichen Daseins aus dem Blickfeld. Ich flitzte ins Schlafzimmer, kramte meinen Laptop hervor, denn ich spürte ganz dringlich eines. Antworten. Jetzt. Sofort. Hier. Bevor es zu spät ist. Denn ich will so viel sagen. So viel auf einmal. Mein Herz ist doch eigentlich übervoll. Sehnsuchtsvoll.

Aber es schweigt. Ich schweige. Es schweigt.

Vielleicht habe ich mich übernommen. Mit der Wut. Dem Hass. Habe sie oder ihn nicht ernstgenommen. So getan, als könnte ich ihn aushalten, ihm gar gegenübertreten. Ohne dabei unwiderruflich Schaden nehmen zu müssen. Und ohne in Angst zurückzusinken. Doch jetzt kommt es mir so vor, als unterwerfe ich mich ein weiteres Mal. Meiner eigenen Struktur. Obwohl die Idee doch die eines Ausbrechens war. Hatte ich nicht in der kürzeren Vergangenheit von mir als Einbrecherin gesprochen? Was hat Einbruch mit Ausbruch wohl zu tun? Was kann das Eine dem Anderen nutzen? Oder ist beides sinnlos und meine Aufgabe vielmehr, verschlossene Räume in der fremden sowie der eigenen Seele einfach anzuerkennen? Ich bin an eine Grenze gestoßen. Erneut. Mal wieder. Schmerzhaft. Vielleicht heilsam. Aber ich bin noch nicht sicher. Halte am Ursprünglichen fest. Der eigenen seelischen Grundstruktur. Dem vertrauten inneren Wissen. Wo Wut trennt. Und sie zu überwinden nur über Unterwerfung möglich scheint. Es beschäftigt mich diese besorgte Angst, mich erneut nur einem Anderen zu unterwerfen. Dessen Macht. Dabei meine ich nicht die rein hierarchische Ordnung. Sondern vielmehr die Macht, die ich dem anderen zuschreibe aufgrund meiner eigenen empfundenen Abhängigkeit. Um das nicht zu verlieren, was ich vielleicht allzu häufig mit Liebe verwechselt habe. Es ist, als könne ich die neue Idee, die ich dringend bräuchte, um mich weiterzubewegen, noch nicht denken. Als könne ich die Grenze zum Anderen, dem Fremden, zur Freiheit noch nicht wirklich überschreiten. Und es macht mich verzweifeln. Und schweigen. Es fühlt sich an, als dürfe ich nicht weiterdenken. Als hinderten mich immens starke Kräfte daran, mein erfahrbares fühlendes Denken wiederzufinden. Und die Worte, die ich dafür brauche. Als sei ich in die Wirklichkeit eines Anderen hineingesogen worden, aus der es keinen Ausweg gibt.

Hast Du Matrix gesehen? Erinnerst Du diesen Moment der entscheidenden Begegnung gegen Ende des Films, wo Neo den Punkt erreicht hat, an welchem er den tödlichen Kugeln auszuweichen vermag? Weil er in sich die Kraft gefunden hat, die (andere) Wahrheit denken zu können. Und dadurch der Matrix als der fremden Wirklichkeit die Grundlage entzogen wird. So zumindest habe ich das immer interpretiert. Und weißt du was? Ich habe gerade zum ersten Mal bei Wikipedia gelesen, dass das lateinische „matrix“ der Begriff für das Mutter-/Zuchttier beziehungsweise die Gebärmutter ist. Das ist verrückt. Also natürlich gar nicht. Das bisher nicht gewusst zu haben ist das Verrückte. Apropos symbolische Ordnung der Mutter und wie schwer es ist, diese in sich zu finden.

Vor einigen Tagen habe ich einen Text geschrieben, den ich hier veröffentlichen wollte. Ich habe hart daran gearbeitet. Ich wollte mir so unbedingt selbst beweisen, dass ich gerade nicht ziemlich verstört bin. Sondern dass ich kann, wenn ich nur genug will. Diszipliniert genug rangehe. Nach einem Tag, der mich durch die Eintönigkeit der Alltagsaufgaben bezüglich Umzug schon ausreichend angestrengt hatte, saß ich also mehrere Stunden in die Nacht hinein am Computer. Ich nannte meinen Beitrag „Basisdemokratie“. Darin setzte ich mich mit der Frage auseinander, was „demokratisch“ eigentlich für mich bedeutet, ob ich mich als demokratisches Wesen verstehe und wie genau. Ich nahm dabei das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe in den Blick und die Frage der jeweiligen Freiheit. Und die Frage danach, wann die Grenzen eines Austausches zwischen zwei Positionen erreicht sind. Was genau an dem Punkt geschieht, wo man sich hoffnungslos aus den Augen verliert. Mich hatte im Vorfeld eine Diskussion mit meinem Hautarzt sehr beschäftigt. Und zudem die Auseinandersetzung mit einem wertvollen Menschen und die Grenze, welche dieser mir aufgezeigt hatte hinsichtlich meiner Position. Einer wütenden Position. Ich werde den Text später noch einmal lesen und schauen, wie er heute auf mich wirkt. Nachdem ich dir geschrieben habe. Und nachdem du mir gerade dabei hilfst, aus meinem inneren Schweigen herauszutreten. Aber vor drei Tagen war Shutdown. Ich lese den ein oder anderen meiner Texte ja gerne mal B. vor. Wobei ich es zunehmend schaffe, dies erst nach der Veröffentlichung zu tun. Nicht mehr nach seinem (männlichen?) Segen frage, bevor ich mich hinauswage. Dennoch bin ich oft sehr froh, wenn ich schon beim Lesen spüren kann, wie meine Worte bei ihm ankommen. Er innerlich mitgeht, so dass meine Gedanken im Raum zwischen ihm und mir schwingen können. Das gefällt mir und erleichtert mich sehr. Dieses Mal aber hatte ich einen Rückfall in frühere Zustände. Ich wollte mich VOR der Veröffentlichung absichern. Und schon nach wenigen Zeilen Lesens. Nein. Das ist nichts. Wertlos. Unnütz. Peinlich. Spar es dir. Mach dich doch nicht lächerlich. Das ist ein Themenfeld, über das so viele kluge Menschen schon nachgedacht haben. Da braucht es dich nicht noch als kleine unbedeutende S.R., die ihren Senf dazu gibt. Und überhaupt. Das ist nicht differenziert genug. Einseitig. Und so weiter. Kennst du diese selbstentwertende Seite in mir eigentlich schon? Spürt man die manchmal im Kontakt? Wenn ich mich in diesem inneren Zustand befinde, will ich mich keinem zumuten. Weil es sich anfühlt, als könnte alles, was ich an Kontaktversuchen unternehme, lediglich Fake-News sein. Ich schweige also lieber. Es ist, als bräche jeglicher lebendige Kontakt zu mir und dadurch auch zu anderen ab. Ich finde mich in der vertrauten Matrix wieder. Abhängig von einem mir immanenten System, das ich zwar irgendwie verstehe, aber eigentlich schon hinter mir gelassen glaubte. Auf das ich plötzlich wieder lebensnotwendig angewiesen zu sein scheine, weil es mich vom Leid der Wirklichkeit entbindet. Der Kränkung meines Ichs einerseits. Und der Trauer über das, was nicht machbar, nicht fühlbar, nicht erlebbar ist. Weil es sich widerspräche – Abhängigkeit und Trauer meine ich. Eigentlich eine gute Definition von Neurose.

Ich verstehe in meinem Leben immer mehr die Bedeutung eines bedeutsam Anderen. Und vor allem habe ich zunehmend den Eindruck, als müsse dieses Wissen immer wieder erneuert werden, um nicht verloren zu gehen. Um jemandem also die Wichtigkeit zuzugestehen, die es braucht, um wirkliche Veränderung in sich zu erfahren, braucht es ein Vertrauen in jenen diesen Anderen. Dabei meine ich nicht blindes Vertrauen im Sinne einer Unterwerfung, sondern das kontinuierliche Bestreben, in Verbindung zu bleiben, sich nicht entzweien beziehungsweise spalten zu lassen. Sondern fruchtbar zu bleiben. Kreativ. Was immer dabei herauskommen wird. Das ist schwer zu wissen. Ich habe lange Jahre bedeutsame Andere gesucht, ohne die Aussicht auf Erfolg, fündig zu werden. Ich hatte mich mit der Sehnsucht arrangiert. Nicht genug Mut aufgebracht, um ihr wirklich nachzugehen. Ich war nicht bereit für das Leid der Wirklichkeit außerhalb der mütterlichen Matrix. Es ist so viel leichter, sich über unscheinbare Kleinigkeiten des Lebens zu ärgern als der eigenen Existenz zu begegnen. Ich weiß immer noch oft nicht, ob ich mutig genug bin. Du siehst. Das Schweigen der letzten Tage lastet schwer auf mir. Ich war so unbewegt. Auch wenn Luisa Muraro jeden Abend kurz vor dem Einschlafen ein wenig Hoffnung in mir zu entzünden vermochte. Ich lese gerade das Buch „Nicht alles lässt sich lehren.“ Tja. Es gibt noch viel zu lernen für mich wie mir scheint. Hatte ich gehofft oder befürchtet, dass es anders sein könnte?

Liebe M., ich danke dir von Herzen. Dass du mein Schweigen als Schweigen bemerkst. Und nicht einfach wegwischst als „normale Sprechpause, die in einer Freundschaft doch völlig normal ist“. Denn wie gesagt. Diese spezielle Art des inneren Schweigens der letzten Tage ist schwer zu ertragen für mich. Als wäre es dem Zufall überlassen, ob ich wieder herausfinden werde oder nicht. Schwerer zu ertragen ist nur, wenn es gar nicht erst bemerkt wird. Weil es dann meine Vorstellung von Wirklichkeit im Sinne einer Beziehungswirklichkeit in der Tiefe angreift. Weil dadurch das, was ich als rettende Idee, als grundlegende Sinnhaftigkeit meines Lebens begreife, verloren scheint: die Fähigkeit, sich mit bedeutsamen Anderen zu verbinden. Immer wieder. Trotz widersprüchlicher Positionen, trotz unterschiedlicher Meinungen und trotz aufwallender Hassgefühle, die einen in die Spaltung zurücktreiben wollen, die man so mühsam zu überbrücken versucht hatte.

Ich habe gerade wieder ein bisschen Mut gefunden. Weiterhin an eine Welt außerhalb der Matrix zu glauben. Die mir offensichtlich Angst macht. Aber deren Hässlichkeit nicht verleugnet werden muss. Und deren Schönheit vieles bereithält. Danke.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: