Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Mal abgesehen von wenigen Ausnahmen sind Bestseller und Blockbuster in den letzten Jahren ungerührt an mir vorbeigezogen. Naja. Ich muss wohl eher sagen, dass ich mir die überhebliche Meinung erlaubt habe, dass was allen gefällt mir mit Sicherheit nicht gefallen würde. Weshalb ich mich gar nicht erst interessiert habe. Doch mit wachsender Neugier außerhalb der eigenen Grenzen interessieren mich Massenphänomene mehr und mehr. Erstens denke ich, muss mir das, was gemeinhin als Mainstream betrachtet wird, doch etwas Wesentliches über den Menschen sagen können. Und zweitens kann es gar nicht anders sein. Der Mensch. Das sind schließlich die Vielen in ihrer ganzen Gemeinsamheit. Und nachdem dann noch letztens eine langjährige Patientin durchaus ansprechend davon berichtete, habe ich mir den ersten Band bestellt. Passenderweise parallel zu einem politischen Essayband von Virgina Woolf. Schließlich bin ich Feministin. Da muss die Lektüre eines sexuellen Skandalromans niederer Natur (so meine Vorurteile) gut flankiert werden.

Fifty Shades of Grey also. Virginia Woolf muss warten. Das Wenige, was mich am Rande des Hypes im Jahre 2015 erreicht hatte, war, dass es sich um die Verfilmung eines seriellen Romans über eine sado-masochistische Liebesbeziehung pornographischen Charakters handelt, welche offensichtlich in der Lage sein muss, viele Menschen (unter anderem Frauen) anzusprechen. Schon das Premierenwochenende hatte sowohl in Deutschland als auch Amerika offensichtlich zu Rekordeinnahmen geführt. Zugegebenermaßen gingen meine Gedanken wohl in folgende Richtung: „Ja klar, Sex sells. Je expliziter desto besser für das schlichte Gemüt. Und wenn im eigenen Bett schon nichts läuft, dann wenigstens auf der Leinwand ein bisschen Geilheit. Aber natürlich nur im sicheren Schutz der Öffentlichkeit. Da wird dann hinterher ein wenig gekichert. Aber über Erregung wird wieder nicht gesprochen. Das brauche ich nun wirklich nicht.“

Fünf Jahre später nun hat es mich gepackt. Innerhalb kürzester Zeit bin ich in den letzten Tagen bis auf Seite 272 vorgedrungen. Das ging ganz flüssig. Was insofern erstaunlich ist, dass ich dazu neige, drei bis vier Bücher gleichzeitig zu lesen und selten mich eines so fesselt, dass ich kontinuierlich bis zur letzten Seite dranbleibe. Dieses Buch aber peitscht mich regelrecht vorwärts. Wobei „peitschen“ in diesem Fall eine recht passable Wortwahl ist. Denn es geht um BDSM (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism). Ich hatte bisher kein näherführendes Interesse an dieser Art spezieller Sexualpraxis. Und ich bin fast sicher, dass sich dies auch nach der Lektüre dieses Buches nicht wesentlich ändern dürfte. Aber. Nicht nur, dass dieses Buch und sein Handlungsverlauf meine sexuelle Erregung stellenweise derart anhaltend aufrecht zu erhalten vermag, dass dieser Umstand allein schon Unterhaltung genug wäre. Vielmehr denke ich auch noch parallel angeregt über meine persönlichen Theorien zum Wesen menschlicher Beziehungen allgemein, zwischen Männern und Frauen im Speziellen, Machtverhältnisse in heterosexuellen Begegnungen, Sex im Allgemeinen, unbewusste Unterwerfungstendenzen und den beruhigenden Effekt einer aufgelösten Ambivalenzspannung per vertraglicher Regelung nach. Ich bin somit körperlich-seelisch-geistig angeregt. Definitiv ein Kennzeichen von guter Erotik. Die Durchdringung auf ganzer Ebene sozusagen. Wie gesagt, ich befinde mich erst auf Seite 272 des Buches, ungefähr der Hälfte. Der Vertrag zur pseudojuristischen Absicherung der geplanten sado-masochistischen, zumindest Dominanz-Unterwerfungs-Beziehung zwischen den beiden Protagonisten ist noch nicht endgültig unterzeichnet. Auch wenn alles darauf hinweist, dass es genau dazu kommen wird. Ich weiß jetzt also noch nicht, wie ich auf die Schilderung der spezifischen Sexpraktiken reagieren werde. Ob es dann mit der Erregung schnell vorbei sein wird. Der Drang nach Distanznahme zu groß. Weil körperlicher Schmerz für mich kein erotisches Versprechen beinhaltet. Auch wenn der darin liegende verabredete Unterwerfungsaspekt sicher interessant ist und ich durchaus nachzuvollziehen in der Lage bin, warum Menschen BDSM attraktiv finden. Mir geht es beim hier sich ereignenden Versuch einer Reflektion meines bisherigen Leseerlebnisses nicht vordergründig um die realen Sexpraktiken und dazu verwendeten Instrumentarien. Mir geht es um die Basis von Erregung. Meiner Erregung. Weiblicher Erregung vielleicht, wenn ich ein bisschen allgemeiner denke. Denn was ich als Frau in der Tiefe erotisch empfinde und für mich quasi die Ursuppe aller Verliebtheit darstellt (und sei es auch „nur“ eine oberflächlich scheinende körperliche Begegnung ohne weiterführendes Beziehungsinteresse, wobei ich dieses Konzept vielleicht nicht wirklich verstehe), ist, wenn sich zwei Menschen in ihren unbewussten Abgründen begegnen und sich diese Abgründe so stimmig ergänzen, dass sich daraus die Verheißung auf etwas fundamental Neues ergibt. Etwas, was sich – zumindest in diesem Moment – nur zwischen diesen zwei Menschen in dieser Passung ereignen kann. Darum geht es aus meiner Sicht auch in „Fifty Shades of Grey“, für mich ein Roman über eine sexuelle Begegnung, in welcher ein tiefes Beziehungsversprechen die treibende Kraft ist. Eigentlich beinhaltet schon der Titel des Buches dieses Versprechen: fünfzig Schattierungen von Grau zu finden statt einer bloßen binären Kategorie. Doch ich greife vor.

Was ereignet sich also? Ana, eine 21jährige Literaturstudentin, klug und attraktiv, sich ihrer Anziehungskraft wenig bewusst, schon gar nicht sicher, sexuell völlig unerfahren und bisher scheinbar auch eher wenig interessiert dahingehend, lernt bei einem Interview für die Studentenzeitung Christian kennen. 27jährig, unverschämt gutaussehend, mit selbstüberzeugter Ausstrahlung, Millionär, CEO seiner eigenen Firma, mit welcher er (auch noch!) wohltätige Dinge gegen Hungersnöte in Entwicklungsländern tut. Ein Umstand, der gerade erst ein neues Licht auf seine Persönlichkeit zu werfen beginnt. Die beiden lernen sich in einem offiziellen Rahmen kennen. Und reagieren auf ihre jeweils eigene Art heftig aufeinander. Ana ist ab der ersten Minute entbrannt. Ihr Körper steht in Flammen. Es ist, als könne sie sich der Anziehungskraft dieses Mannes nicht entziehen, als dränge jegliche Faser ihres körperlichen Seins in seine Richtung, hin zur Vereinigung. Allein schon diese Heftigkeit, diese Intensität der Anziehung hat eine tiefe erotische Ausstrahlung. Als könne ich mich, die Leserin, dieser Wirkung ebenfalls nicht entziehen, werde eingesogen in einen unbewussten Tanz, der zur Aufführung kommt. Sein Part dabei der ebenso dringliche Wunsch, sie zu unterwerfen, sich zu eigen zu machen, zu seinem Besitz, über den er befehlen kann. Und auch wenn dies als absurdes, fehlgeleitetes oder gar perverses Begehren betrachtet werden kann. Die Bewertung interessiert mich nicht. Mir geht es mehr um die Dringlichkeit seines Begehrens. Den glühenden Aspekt. Darin unterscheidet er sich nicht von Ana. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass er genauso heftig verliebt ist wie sie. Und das spricht für ihn. Das macht ihn für mich überhaupt erst attraktiv. Die Fähigkeit zu hoffen. Etwas Neues zu suchen. Was ja das Wesen des Verliebens ausmacht. Bei aller Gestörtheit, die man ihm andichten mag, dies spricht für seine gesunde Seite.

Wie wir uns wiederum verlieben, in welcher Intensität, mit welcher Obsession oder aber Zurückhaltung, mit welchen Phantasien über und Wünschen an den betreffenden Menschen, hat viel mit seelischen Prädispositionen zu tun. Kondensierten Beziehungserfahrungen in unserer körperlich-seelischen Struktur. Ich sag mal so: wir verlieben uns auf die Art und Weise, wie wir dazu in der Lage sind. Weil es genau die Differenz zum Vertrauten ist, die unser Herz erträgt und gleichzeitig für Veränderung braucht. Was aus dieser ersten Verliebtheit im weiteren Verlauf dann wird und wie wir auf längere Sicht lieben, hängt viel damit zusammen, welche Dynamik sich mit dem Anderen tatsächlich zu entfalten vermag. Wiederholen wir aneinander einfach die jeweils eigenen Geschichten, ohne uns dabei wirklich kennenzulernen oder kann etwas Neues entstehen? Anders gefragt: bleibt es bei der bloßen Verliebtheit und wenn diese endet transformiert sich nichts oder geht etwas weiter? Letztlich ist diese Frage der Ansatzpunkt und Basis meines Blicks auf jedwede Beziehung. Sie leitet mich auch bei meiner bisherigen Sicht auf die beginnende Liebesbeziehung zwischen Ana und Christian. Diese nimmt ihre Anfänge in einer fast obsessiven Verliebtheit, die jeglicher Vernunft entbehrt. Es geht heftig zu. Besinnungslos. So ist auch zu verstehen, dass Ana nicht augenblicklich jegliches Interesse verliert, als Christian ihr ziemlich schnell in vollem Umfang gesteht, dass mit ihm kein „normaler“ Sex zu haben sei. Er schlafe nicht mit Frauen, er „ficke“ sie. Und er habe noch nie mit einer Frau in einem Bett übernachtet. Blümchensex sei mit ihm nicht zu erwarten. Er lässt sie also scheinbar nicht im Unklaren über seinen verdorbenen Charakter (eine Wertung, die er selbst so transportiert). Dennoch will er sie verführen. Zu seiner Art des Liebens. Dieser Aspekt ist mir wirklich wichtig. Ich trenne Liebe und Sex in der Tiefe nicht voneinander. Wie wir mit jemandem schlafen, hat für mich maximal damit zu tun, wie wir jemanden lieben. Und wie wir jemanden lieben, bestimmt maßgeblich, wie wir mit ihm schlafen, also diese Liebe körperlich zum Ausdruck bringen. Ob eine kurze Affäre oder eine langjährige Dauerbeziehung: an unserer Art des Liebens kommen wir in beiden Fällen nicht vorbei.

Christian führt Ana also scheinbar völlig sachlich ein in sein Territorium der sexuellen Spiele, die Sado-Maso-Welt mit all ihren Rafinessen, die sich der erfahrene Kenner oder aber der unbeleckte Laie so vorzustellen vermag. Er macht klar, dass Liebe für ihn nur in maximaler Distanz möglich sei. Er will sie in logischer Konsequenz zu einem vertraglichen Commitment verführen. Dazu, quasi freiwillig seine Unterworfene zu sein. Seine „Sub“. Er der „Dom“. Wo er über sie bestimmen kann, jedoch – so heißt es im Vertrag – zu ihrem Vorteil und Genuss hinsichtlich auch ihrer sexuellen Begierden. Es geht durchaus um Schmerz. Grenzerfahrungen. Beherrschtwerden. Aber unter Ausschluss von Gewalt. Der wenig phantasievolle Leser mag hier schon längst ausgestiegen sein. Wie soll das denn gehen? Unterwerfung per Vertrag. Unter Toleranz von Schmerzen. Diese scheinbar so ungleiche Verteilung der Macht. Wo einer (hier der Mann) beherrschen, bestimmen, bestrafen darf, sozusagen die Hohheit über die Lust besitzen will – der andere (hier die Frau) unterworden, machtlos, schwach, beherrscht. Wie kann hier von Lust gesprochen werden? Das ist doch pervers. Schlichtweg krank. Zumindest völlig widernatürlich. Oder etwa nicht? Hat das alles vielleicht sogar mehr mit einer durchschnittlichen Hetero-Beziehung zu tun, als uns lieb zu glauben wäre? Mainstream sogar? Wie ist das mit der freiwilligen Unterwerfung und dem daraus resultierenden Lustgewinn? Und wo ist möglicherweise die Dominanz-Unterwerfungsfrage in der Psychodynamik des Paares ganz und gar nicht klar.

Nun sind da ja auch diese vielen Menschen, denen diese Szenerie durchaus zu gefallen scheint. Inklusive meiner Wenigkeit. Wo liegt also der Reiz? Wo die Anziehung? Was erregt in diesem Maße? Sind wir Perverse? Unterworfene? Oder aber Herrscher über die Lust des Anderen? Schmerzsuchende Wollüstige auf der Suche nach der Grenze? Auch der Grenze des guten Geschmacks? Ja. Das sind wir wohl. Mehr oder weniger. Mehr oder weniger auslebend oder abwehrend.

Man könnte noch eine andere Erzähllinie anlegen, die kurz skizziert sei. Unschuldige, ja naive Studentin mit idealisierter Vorstellung über die Liebe trifft traumatisierten Schönling mit perversen Neigungen. In der irrigen Annahme, ihn von seiner kranken Sexualität und natürlich auch vom seelischen Trauma heilen zu können mit der bloßen Macht ihrer Liebe, lässt sie sich von ihm nach Strich und Faden missbrauchen. Am Ende wird sie erwartbarerweise eines Besseren belehrt. Alternativ (da ich das Ende noch nicht kenne) finden die beiden ihr Glück. Scheint mir nun aber nicht allzu wahrscheinlich, da Liebesromane mit fulminantem Beginn UND hoffnungsfrohem Ausgang in der Regel nicht gerade Verkaufsschlager sind. Oder irre ich mich da? Egal. Ich weiß nicht, ob es eine ähnlich lautende Rezension damals irgendwo gegeben hat. Wenn ja, würde ich fast vermuten, der Verfasser muss ein Mann gewesen sein. Eher intellektuell. Rationalist. Eher nicht gläubig. Und der Liebe skeptisch gegenüber.

Ich lese als Frau. Ich lese als sexuelles Wesen. Ich lese als Frau mit vorwiegend heterosexuellen Erfahrungen. Und ich lese natürlich auch als Psychoanalytikerin. Als moderne Psychoanalytikerin, die sich mit dem reichhaltigen theoretischen Fundus intersubjektiver Ansätze am besten identifizieren kann. Deren Hauptaussage letztlich darauf hinausläuft, dass wir Menschen uns in einem Feld begegnen, in welchem je nach spezifischer Ausformung unserer beziehungsorientiert-individuellen Psychen durch intersubjektive Verschränkungen ein Drittes, sozusagen ein neuer Raum entsteht, der bestenfalls heilsame Wirkung entfalten kann. Die Therapeutin ist dabei nicht die souverän Wissende, die ihre psychische Reife in die Waagschale wirft, um einer kränkelnden Seele zur Entwicklung zu verhelfen. Vielmehr ist sie Mitspielerin in einem jedes Mal völlig neuartigen Prozess, in welchem sie ihre bestenfalls erworbene Fähigkeit der flexiblen Reaktivität auf Stockungen im Beziehungsgeschehen einzubringen vermag. Die zugrundeliegende Idee ist eine revolutionäre. Psychische Erkrankungen sind in dieser Art des Denkens keine Störungen des Individuums. Zumindest nicht ausschließlich. Sondern vielmehr Störungen zwischen Individuen, wo der Einzelne, weshalb auch immer, nicht mehr in der Lage ist, in der Gemeinschaft mit anderen menschlichen Wesen angemessen Anregung, Beruhigung, Auseinandersetzung, Zuwendung, ja allgemein Entwicklung für sein eigenes Leben zu finden. Die Sichtweise, welche die Abhängigkeit beziehungsweise Angewiesenheit des Menschen von seinesgleichen in den Mittelpunkt der therapeutischen Idee von Heilung stellt, die also dem Beziehungsgedanken in allem Erleben (und wenn es noch so individuell scheint) den Vorrang gibt, eignet sich gut, um „Fifty Shades of Grey“ angeregt zu lesen.

Ich beschäftige mich also mit der Tiefenstruktur der Beziehung zwischen Ana und Christian. Und da sehe ich eine große Sehnsucht bei beiden. Christian wird immer wieder als verspielter Junge angedeutet, der sich über jeden echten Widerspruch vonseiten Anas köstlich zu amüsieren scheint. Er findet Genuss an ihrer Eigenständigkeit. Wo er doch eigentlich scheinbar das Gegenteil will. Absolute Bestimmung. Das Recht über ihren Körper. Der Vertrag, der so lange verhandelt und bisher nicht unterzeichnet wurde, scheint mir das Herzstück ihrer beginnenden Beziehung zueinander. Sozusagen das Regulativ für die Leidenschaften. Das Dritte, auf das sie sich immer wieder beziehen können. Ana will Christian wirklich. Und nicht nur einfach Sex, sondern IHN als das Wesen, was sie in ihm zu erkennen meint. Sie will „mehr“ als in seinem Vertrag aufgesetzt ist. Sie will mehr sein als bloße Mitspielerin in seiner Szene. Sie will etwas Eigenes. Aber sie weiß intuitiv auch, dass sie mitspielen muss, wenn sie dieses ersehnte „Mehr“ erhaschen will. Denn anders gibt es keinen Eingang zum Anderen: die Freude am gemeinsamen Spiel. Wie fremdartig einem die Regeln des Anderen auch erscheinen mögen. Und sich verlieben bedeutet doch in allererster Linie, Lust zu haben, miteinander zu spielen. Nun ist die Sexualität zwischen zwei Menschen ein hochkomplexes Spiel mit so unendlich vielen Variationsmöglichkeiten, gleichzeitig so vielen und so wenigen Regeln, dass Christians Versuch, seine Sexualität (und die seiner Partnerin gleich mit) per Vertrag zu binden, einem fast unbeholfenen Versuch gleichkommt, die Komplexität seines Empfindens unter Kontrolle zu bringen. Eine wie ich finde recht männliche Art der Vorgehensweise. Ana wirkt dahingehend im Verlauf des Geschehens gefestigter. Ich vermute, dass dabei eine zentrale Rolle spielt, dass sie sexuell eine Spätzünderin ist. Sie hatte genug Zeit, ihre inneren Ideen von einer befriedigenden und erfüllenden sexuellen Begegnung mit einem Mann in der Phantasie auszugestalten und in ihre sexuelle Identität zu integrieren. Anders ist ihr reifes mutiges Verhalten kaum zu erklären, wo sie sich seinen einengenden Perversionen mit ihrer Zuneigung entgegenstellt. Und damit die Szene immer wieder öffnet. Und ihn dazu verführt, Premieren zu begehen. Blümchensex. Nebeneinander einschlafen. Anfassen. All das, was Zeichen der innigen Zuwendung sind und das Spiel erregend und aushaltbar zugleich machen.

Bis auf Seite 272 des Buches haben sich viele Grautöne angedeutet, welche in der Beziehung zwischen den beiden gefunden werden könnten, sollte die anfängliche Verliebtheit Bestand haben und sich immer wieder zu verwandeln vermögen. Ich habe leider eher die Befürchtung, dass es kippen wird. Die Traumatisierung des Einen zu wirkmächtig (und damit meine ich nicht die in der Pubertät stattgefundene S-M-Verführung, die würde ich eher schon als Ergebnis betrachten). Die Liebe von Ana (oder ihre Unterwerfungsbereitschaft) nicht ausreichen wird, den Heilungsprozess unter Verzicht auf die nachvollziehbaren eigenen Wünsche nach Entwicklung lang genug zu begleiten. All diese destruktive Macht immer wieder zu transformieren. Umgekehrt betrachtet könnte man auch spekulieren, dass es bei der allzu offensichtlich scheinenden psychischen Verdrehtheit von Christian nicht gelingen könnte, Anas Konflikthaftigkeit aufzudecken, welche auch nach Entwicklung strebt. Bei der ihr wiederum Christian hilfreich zur Seite stehen könnte als therapeutisches Element.

Ja. Es ist alles nicht so eindeutig. Eindeutig ist für mich am ehesten meine ganz persönliche Überzeugung, dass Beziehungen jedweder Art heilsames Potential in sich tragen. In einer mir ideal erscheinenden zukünftigen Welt ist mein Berufsstand obsolet geworden. Weil Menschen erkannt haben, wieviel konstruktives Potential darin liegt, wirklich ehrlich miteinander zu sein. Es ernsthaft zu versuchen. Nicht grenzenlos. Nicht rücksichtslos. Aber in Rückbezug auf ein distanzierendes Drittes so ehrlich wie möglich. Nichts Anderes versuchen meiner Ansicht nach Christian und Ana. Sie loten anhand eines Vertrages die Grenzen zueinander aus, die in der leidenschaftlichen Hingabe zu verschwimmen drohen. Wo Schmerz und Lust eben keine sich kategoriell ausschließenden Binaritäten sind. Sondern Erlebensmöglichkeiten auf einer unendlichen Dimension. Dadurch wird ein Rahmen kreiert, auf den sich beide immer wieder beziehen können. Ja, aber es ist doch sein Vertrag, mag da gleich jemand reinrufen. Das sind ungleiche Verhältnisse. Nein. Das glaube ich nicht. Dafür ist Ana emotional zu gefestigt. Strukturell zu gesund. Und auch für ihn besteht Hoffnung. Und diese Hoffnung auf Veränderung ist erregend.

Aber meine Sicht ist nur eine von vielen möglichen. Vielleicht schreibe ich bald eine Revision. Ab Seite 273.

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