Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Es war ein so schöner Abend auf den Stufen des Theaters. Wie süß eine freundschaftliche Umarmung sein kann ist in all der Coronaabstandsgemengelage eine wärmende Erfahrung. Aus einem tiefen Bedürfnis heraus den anderen zu umschlingen ist etwas, was mir nicht besonders vertraut ist. Ich war lange Jahre eine Abstandsumarmerin. Körperlich nah und seelisch dabei doch distanziert. Umgekehrtes kenne ich wiederum ebenfalls gut. Seelische Verbundenheit, welche aber die Körpergrenzen nicht zu überschreiten wagt. So oder so. Da war immer eine Lücke. Ein Abstandhalter. Eine scheinbar nicht zu überbrückende Distanz. Ich habe viele Ideen dazu, wie du dir denken kannst. Die meisten haben psychoanalytischen Ursprung und betreffen natürlich meine kindlichen Beziehungen. Zur Mutter. Zum Vater. Deren Körperbotschaften. Die damals nicht entschlüsselbaren rätselhaften Regungen der Ambivalenz, der eingeschränkten Nähe, des bezweifelten Begehrens, der Scham und so weiter und so fort. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, wo ich mir sehnlich wünsche, diese ewigwährende Lücke zu schließen. Zumindest punktuell. Dass dies dauerhaft und kontinuierlich möglich sein könnte mit den von mir geliebten Menschen, idealisiere ich gemäß meines unmäßigen Charakters selbstverständlich auch. Immer eine Hand in der Hosentasche des anderen sozusagen. Auf jeden Fall will ich mein Begehren endlich ausdrücken. Nicht an den Grenzen des (inneren) Anderen stehenbleiben und auf Erlaubnis warten. Nicht in der Hoffnung steckenbleiben, dass mein Gegenüber den Part übernimmt, mein Begehren zu befreien. Nicht in der Angst vor Ansteckung verharren.

Was heißt Erwachsensein? Ich wollte doch gar nicht über das Begehren schreiben, sondern darüber. Vermutlich hat beides irgendwie miteinander zu tun. Als wir gestern so gemeinsam rätselten über die Fragen der Autorität, der Angst vor derselben, der Selbstermächtigung im Angesicht einer äußeren Macht, der dahingehenden beobachtbaren Schwierigkeiten vieler Menschen und auch dem Wunsch nach mehr Nähe mit bedeutsamen Anderen und wer da nun den ersten, zweiten, dritten Schritt wagen sollte, sagtest Du irgendwann: „Ich will nicht mehr für die Anderen tun. Sie sind erwachsene Menschen.“ Ich war da noch am Überlegen, ob ich mich nun ertappt fühlen sollte. Dabei, ob und wie ich wieder einmal mein eigenes Begehren projektiv auslagere, um es in einem Anderen zum Vorschein zu bringen, der es mir wiederum zurückgeben soll. Mag sein, dass ich das tue. Sehr wahrscheinlich. Wir brauchen die Anderen schließlich, um uns zu finden. Und der Weg zum Erwachsenwerden (was auch immer das dann sein soll) ist weit. Gepflastert mit unzählbaren Wiederholungen. Bestenfalls variantenreich.

Was meinst Du mit „Er ist erwachsen? Wenn er will, dann…“. Was heißt das? Die Verantwortung abgeben zu können für was? Ihn sich selbst überlassen können? Sich nicht mehr kümmern müssen? Nicht sorgen? Welche Erwartungen habe ich an ein Gegenüber, das erwachsen ist? Bist du erwachsen? Bin ich es? Was verdammt noch eins soll das sein? Was meintest du mit deiner Bemerkung? Ich glaube, dass du (auch) mich meintest. Vielleicht auch dich selbst. Auch wenn du „er“ gesagt hast. Ich höre (im Nachhinein mit Denkarbeit) die Aufforderung, dass ich selbst Verantwortung übernehmen soll für mein Wünschen, mein Sehnen. Es nicht dir oder sonst jemandem zu überlassen, um – im Falle eines Nichtzustandekommens von was auch immer – frustriert klagen zu können über den anderen, der ja nicht genug wollte. ICH habe nicht genug gewollt, wenn ich nicht in der Lage bin, dafür einzustehen. Egal, welche verständlichen Gründe und Motive und Ängste es in der Vergangenheit und der Gegenwart dafür geben mag. ICH habe nicht gewollt. Vielleicht ist das die Essenz des Erwachsenseins. Das ICH zu entdecken, das man in sich trägt. Und frau. Dafür Verantwortung zu übernehmen.

Ich denke, dass dies ein Prozess ist, der für uns Frauen vielleicht nicht schwerer ist, für den es aber recht wenige weibliche Vorbilder gibt. Zumindest stößt man nicht ohne Weiteres auf sie. Luisa Muraro habe ich nur entdeckt, weil ich explizit „feministische“ Literatur gelesen habe. Dabei ist sie eine ernsthafte Philosophin, die mit ihrem tiefgründigen Denken in vielen Themenbereichen zu finden sein sollte. Auf Empfehlung eines klugen einfühlsamen Mannes höre ich derzeit einen Podcast von Igor Levit über die 32 Beethoven-Sonaten. Und während ich den beiden differenzierten Männern zuhöre, wie sie über dieses (wiederum männliche) Genie fachsimpeln in einer Intensität und zugleich Zartheit, wie sie seinesgleichen sucht, dann fühle ich mich von etwas ausgeschlossen. Ja, das ist tatsächlich das zentrale Gefühl, das ich bei aller Begeisterung beim Zuhören verspüre. Ich fühle mich außen vor. Als hätte ich durch mein Frausein einen erschwerten Zugang zu einem fundamentalen Schatz. Es hat etwas mit Macht zu tun. Unabhängigkeit. Freiheit. Liebe. Aber auch Selbstgenügsamkeit. Ich würde gerne suchen. Denn ich bin ganz sicher, dass ich ihn bereits in mir trage. Und dass ich kein Mann sein muss, um diesen Schatz zu finden. Sondern dass es eine weibliche Suche geben kann. Lust?

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