Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Heute endlich waren wir mit unserem 9jährigen sein Geburtstagsgeschenk einlösen. Ein Eintritt in den großen Freizeitpark bei uns um die Ecke. Kurz vor Schließung und direkt am Ausgang reihten wir uns noch vor einer recht neuen Attraktion ein. Das Voletarium. Mein Wunsch. Ich hatte nicht viel darüber gelesen, die Informationen auf der Website knapp gehalten. Ein Flug durch Europa, viel mehr war nicht zu erfahren gewesen. Als wir zunehmend weiter in der Schlange vorgerückt waren, phantasierend, was uns wohl erwartete, war doch klar geworden, dass es um ein virtuelles Erlebnis gehen würde. Ich spürte Bedenken. Wenn ich bisher in der Vergangenheit in irgendwelchen Kapseln mit irgendwelchen Brillen irrwitzige Fahrten auf dem Mond oder in stillgelegten Bergwerken unternommen hatte, war mir die Diskrepanz dessen, was sich vor mir auf der Leinwand abspielte und was auf der anderen Seite mein Körper an mehr oder weniger passendem Geruckel spürte, doch zu groß gewesen. Ich hatte meist mit schwindelerregender Übelkeit reagiert, die weit über die Dauer der Fahrt anzuhalten pflegte. Das stand also wieder zu befürchten. Wollte ich so wirklich diesen doch recht vergnüglichen Tag beschließen? Naja. Technik entwickelt sich ja weiter und der Park hatte bisher auch einiges zu bieten gehabt, beruhigte ich mich. Also Fliegen.

Wir wurden aufgereiht. Angeschnallt. Festgezurrt. Taschen und Rücksäcke in einem Regal verstaut. Mein Sohn, der unsichere Situationen gerne zu kontrollieren versucht (wofür er mein vollstes Verständnis hat), kombinierte scharf: „Ah, wenn die Taschen hier nicht rausfallen können neben uns, dann kann es nicht so wild werden. Man soll sie eigentlich unter dem Sitz verstauen, siehst du Mama, steht auf dem Schild. Also kann der sich auch nicht so drehen, dass sie weggeschleudert werden würden. Papa, du darfst nicht fotografieren. Und rauchen solltet ihr auch nicht.“ Beruhigende Hypothesen. Klare Anweisungen. Wird schon gut gehen.

Und dann tat sich der Abgrund auf. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die bis gerade noch sichtbaren meterhohen Stellwände vor uns klappten ab, die Nacht vor uns wurde dunkel. Da befand sich die Erde. Aus dem All betrachtet. Wir also im Anflug auf unseren Planeten. Als dieser Moment verstanden war, ging es sehr schnell. Wir waren mittendrin. Stießen durch die Wolkendecke hindurch, direkt im Sturzflug auf eine hellerleuchtete Großstadt zu. Paris. Knapp den Eifelturm verpasst, gerade noch einmal hochgezogen. In den Lüften die glänzende Nacht. Die Szenerie wechselte jedoch schnell. Aus den Lichtern der Zivilisation wurden Landschaften unterschiedlichster europäischer Gegenden. Wir erklommen schroffe Berggipfel mühelos, um dann in majestätischen Höhen über weite Seen zu gleiten. Das Tempo wechselte immer wieder rasant. Mal verpassten wir knapp die Wipfel des Waldes, den wir überquerten, so dass man intuitiv die Füße ausstreckte, um nicht hängen zu bleiben. Dann ging es wieder hoch hinaus. Hatte man eben noch das Gefühl, wie ein Segelflieger dahinzugleiten, galoppierte man wenige Sekunden später mit Wildpferden durch spanische Steppen. Sauste durch weite Schneelandschaften, bunte Felder, Wiesen, Wälder und dann zum Schluss hinein in die Rauchschwaden eines Vulkans. Mitten in die Funken eines Feuerwerks, das am Himmel erstrahlte, um dann zu verblassen und somit das Ende des Flugs vorbereitete. Oder vielmehr abrupt beendete. So kam es mir zumindest vor. So schnell, wie ich reingezogen worden war ins Geschehen, so schnell war ich nun ausgespuckt. Der Raum um mich herum wieder im Dämmerlicht. Wie nach einem Kinofilm. Und wie ich mich auch nach einem beeindruckenden Film von der Notwendigkeit, in die Realität zurückzukehren, hin und wieder gestört fühle, so erlebte ich nach diesem Abenteuer eine gewisse Irritation. Die Welt draußen kam mir plötzlich unwirklich vor. Irgendwie fade. Keine Achterbahn heute hatte dieses Höhengefühl von gerade eben auslösen können. Wie auch. Hatte ich doch aus Angst die wirklichen Thrills weitgehend umgangen. Und die wenigen Fahrten, die ich mich dann doch getraut hatte, erschienen mir auch erst im Nachgang als ein unvergessliches Erlebnis, dessen Wiederholung möglicherweise ernsthaft zu bedenken wäre. Wenn auch vielleicht nicht heute. Aber Fliegen? Fliegen würde ich sofort wieder. Am besten gleich. Und länger. Fliegen ohne Risiko. Ohne Angst. Einfach in der Phantasie. Wie unglaublich praktisch. Das wäre die Lösung für meine Verzagtheit gegenüber realen Abenteuern. Was könnte man so alles erleben. Alles. Und noch mehr. Wirklich?

Zwei Stunden nach unserer Rückkehr sitze ich auf dem Balkon und denke nach. Ich versuche zu lesen in meinem aktuellen Buch. Es geht um zwischenmenschliche Konflikte. Und wie schwer es manchmal ist, sich zu überwinden, diese auszutragen. Überhaupt anzusprechen. Wieviel Energie wir darin stecken, Konfliktvermeidung zu betreiben aus Angst, welche Folgewirkungen das Benennen eigenen Unbehagens haben könnte. Ich kann mich nicht recht konzentrieren. Zudem fühle ich mich dick. Viel zu plump für ein leichtes Leben mit Abenteuern. Ich muss dringend wieder Gewicht verlieren. Wenn das nur nicht so unglaublich mühsam wäre. Das Leben ist so schwerfällig manchmal. So wenig Höhenflüge. Meinem Partner war übrigens übel nach dem Flug. Er habe sich, laut eigener Aussage, aber auch nicht so eingelassen wie ich. Spannend. Das leuchtet mir sofort ein. Mir ist dafür jetzt ein bisschen übel. Bei der Erinnerung an die Großartigkeit des Erlebens. Ich erinnere mich an einen Wiederholungstraum aus der Zeit meiner Pubertät. Darin konnte ich fliegen. Nicht besonders hoch. Knapp über dem Boden. Es war wohl eher ein Schwimmen in der Luft. Aber immerhin schwerelos. Der Schwerkraft beraubt. Es war phantastisch. Großartig. Berauschend. All das, was mein Leben damals in wachem Zustand so ganz und gar nicht war. Am liebsten wäre ich wohl nie aufgewacht. Aber ob ich dann weitergekommen wäre?

Virtuelle Welten sind phantastisch wie ich heute erleben durfte. Die menschliche Phantasie, die fähig ist, sich solche Welten auszudenken, einfach großartig. Ein Reichtum. Die Realität dagegen ist nicht immer so prickelnd, so packend, so erhebend. Leider. Muss ich jetzt im Nachgang umso schärfer feststellen. Ich verstehe jetzt etwas von der Angst vieler Erwachsener, die „jungen Leute von heute“ könnten in virtuellen Welten abdriften. Wie es ja auch – so höre ich mancherorts – passiert. Ich habe da keine differenzierte Meinung zu bisher. Weiß zu wenig. Habe noch keinen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen mit Spielsüchten wirklich kennengelernt. Ich bin nur froh, dass mein Sohn eine ausgeprägte Phantasie hat, sich schon seit Jahren virtuelle Welten schafft, in denen er sich regelmäßig (besonders in langweiligen Zeiten, die in der Kindheit ja noch gehäuft vorkommen) bewegt. Und ich vertraue darauf, dass er nicht so ohne Weiteres ansprechbar ist für fremden phantastischen Kram, der einfach nur Blödsinn ist. Keine Bereicherung seiner Innenwelt darstellen würde. Sondern dass er eine Wahl hat, was er sich zuwendet oder was er links liegen lässt. Und dass er die Realität nicht ohne Weiteres verlassen würde, weil trotz aller Langeweile doch auch wichtige Figuren hier auf Erden weilen. Jenseits der Großartigkeit sozusagen. Aber ich verstehe schon, was an Höhenflügen so erhebend ist. So verdammt verführerisch. Und das ist keine Erfahrung, die man nur in Freizeitparks machen kann. Aber offensichtlich auch da. Wie ich seit heute weiß.

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