Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Bis gestern war ich eine Woche  in Frankreich. Eigentlich immer, wenn ich im Ausland bin und dort nicht selbstverständlicherweise Englisch zur Verständigung gesprochen werden kann, was die einzige Fremdsprache ist, in der ich mich einigermaßen sicher fühle, begleitet mich eine Mischung aus Furcht und Scham. Furcht vor jeder kommenden  Begegnung mit Einheimischen, in der ich etwas will und Scham über…Tja, über was? Vordergründig über meine verbale Unfähigkeit, mein Stottern, mein mangelndes Ausdrucksvermögen, meine daraus resultierende Unsicherheit im Allgemeinen. Manchmal auch allgemein über mein Deutschsein, meine so anders klingende Sprache, die ja immer wieder mit Härte assoziiert wird. Dann aber auch über meine so hilflos geäußerten Wünsche und Bedürfnisse selbst. Wenn ich doch schon etwas will, so sollte es doch auch wenigstens annähernd flüssig und nachvollziehbar  hervorgebracht sein. So mein strenges Ich-Ideal, das sich mit Fehlertoleranz nicht leicht tut.

Mein Schulfranzösisch, das zugegebenermaßen ziemlich in die Jahre gekommen ist, reicht aus, um basale Grundbedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Ich bekomme beim Bäcker das, wonach mir gelüstet, kann nach Orten fragen, die ich suche, Tickets bestellen. Somit kann ich einen Urlaub bestreiten, in dem es keine besonderen Vorkommnisse gibt. Dass ich mir, bevor ich zu sprechen beginne, immer den Kopf zerbreche über den richtigen Artikel, die grammatikalisch korrekte Form, ist anstrengend und völlig fehlgeleitetes Verhalten, da es mich keineswegs beruhigt, sondern mich jegliches gesunden Menschenverstandes vielmehr beraubt. Und fällt die Antwort meines Gegenübers dann etwas komplexer aus, befinde ich mich schnell in Schwierigkeiten. Vor allem, wenn eine Rückfrage darin enthalten ist.  Die Scham darüber, die fremde Sprache des Landes, welches ich besuche, nicht annähernd fließend zu sprechen und zu verstehen, begleitete mich nun also wieder einmal eine Woche lang täglich. Ich fühlte mich regelrecht schambehindert. Jetzt im Nachhinein, zurück auf sicherem Terrain, beobachte ich mein seltsames inneres Treiben. Und versuche mal wieder, der Scham auf die Spur zu kommen.

Was mir auf den ersten Blick auffällt, ist meine offensichtliche und gleichzeitig natürlich absolut blödsinnige Annahme, alle französisch sprechenden Menschen des Landes seien in jeglicher Form fähiger als ich. Die Tatsache, dass sie eine Sprache sprechen, die ich nur radebreche, generalisiert sich dabei auf alles andere. Dafür gibt es irgendeinen  Ausdruck, den ich aus dem ersten Semester meines Psychologiestudiums erinnere. (Oder vielmehr nicht mehr erinnere.) Wo eine Eigenschaft so vorstechend wahrgenommen wird, dass sie auf alles abstrahlt und Schlussfolgerungen nach sich zieht, die unsinnig sind. Dem Wahrnehmenden selbst aber völlig logisch erscheinen. In diesem Falle mir. Die Franzosen sind also nicht nur Sprachtalente, sie sind auch klüger als ich, verstehen sich mehr auf disziplinierte Kindererziehung, gesunde Ernährung, die schlank hält, sind selbstsicher, witzig, lässig, gutaussehend und so weiter und so fort…Ich bin in meinen Schwachpunkten getroffen…wie immer in unsicheren Zeiten. Um ehrlich zu sein schaute ich den Menschen, mit denen ich in den letzten Tagen diverse Belanglosigkeiten wechselte,währenddessen überhaupt nicht wirklich ins Gesicht. Ich kann das alles gar nicht gesehen haben. Ich weiß ja nicht mal mehr, mit wem ich da überhaupt gesprochen beziehungsweise gestottert habe. Und ob das alles wirklich etwas mit meinem Deutschsein und „deren“ Französischsein zu tun hat, fange ich irgendwie auch an zu bezweifeln. Kommt mir zu sehr wie eine Form des positiven Rassismus vor, der sich da über (m) eine eigentliche Angst gestülpt hat. Ich habe vermutlich mal wieder nur mich gesehen. Aber was ist diese meine „eigentliche“ Angst nur?

Mein Partner meinte an einem Tag unseres Urlaubs um mich zu ermutigen, den dörflichen Metzger aufzusuchen und nicht das anonyme Massentierhaltungsfleisch des Supermarktes zu kaufen, nur um eine weitere persönliche Kommunikation zu vermeiden: „Also ich stelle mir im Vorfeld immer vor, ich wäre ein deutscher Metzger und da käme so ein Russe und sagt ‚Ich wolle Fleisch zu grille.‘ Das versteht man doch und da redet man doch normal weiter mit dem. Und wird nicht unfreundlich oder so.“ Ich: „Nein, das ist nicht meine Beobachtung. Die Menschen werden schnell unangenehm, wenn Unsicherheit und Scham im Spiel ist.“ Vielleicht fehlt mir die Phantasie, mich in einen Metzger hineinzuversetzen. Wir einigten uns darauf, dass man diese oder jene Erfahrung machen kann. Je nachdem. Ihm jedenfalls hilft seine Imagination, wie auch immer er auf“ den Russen“ kommt und was er damit verbindet an Fremdheit. Ich habe in der Woche jedenfalls nichts vergleichbar Hilfreiches für mich gefunden.

Es ist dieser kurze, fast unmerkliche Moment der Unsicherheit zwischen zwei Fremden, wenn sie aufeinandertreffen. Die man  gewöhnlich ohne weiteres zu meistern in der Lage ist, indem man sich am Rahmen, den vorgegebenen Rollen, den geltenden Höflichkeiten festhält. Alles, was zuhause so selbstverständlich ist (beziehungsweise scheint). Und mir aber in einer fremden Umgebung, deren Sprache ich nicht spreche, so schmerzlich beschämend fehlt. Warum eigentlich? In meiner Phantasie spaziere ich offenherzig auf die fremdsprachigen Menschen zu, begrüße sie in ihrer Landessprache, um meine Höflichkeit zu bekunden und verwende dann meine Muttersprache als Basis, um mich mit einem verbalen Gemisch sowie Händen und Füßen zu verständigen. Körperlich. Nicht so kopfig, wie ich mich die ganzen letzten Tage gefühlt habe.

Ich hätte dahingehend gerne mehr von meiner 3jährigen Tochter. Die diese  Lücke der Scham noch nicht kennt. Gehe ich mit ihr zum Bäcker, ist alles ganz einfach. Sie zieht sich an der Stange vor der Auslage hoch, ruft lautstark über die Theke: „Hallo! Ich will ein Schokocroissant! Das da mit den Streuseln!“ Ich wechsle kurz und liebevoll ein paar Worte mit ihr. Dann geht mir die Bestellung auf französisch plötzlich ganz locker über die Lippen. Ich frage sogar etwas nach, was mich primär gar nicht so interessiert, nur um noch ein bisschen mehr zu sprechen. Was kurzfristig mal unbefangener geht. Als hätte ich mithilfe meines Kindes schon etwas bewiesen. Was? Dass ich ein empathisches menschliches Wesen bin? Fähig zur Beziehungsaufnahme jenseits von verschämten Blicken am Gegenüber vorbei?

Vielleicht ist es tatsächlich die Muttersprache, derer ich mich in der Fremde beraubt fühle und die mir zu meiner Sicherheit in der Beziehungsgestaltung fehlt. Die im Kontakt mit meiner noch so kleinen Tochter in höherem Maße aktiviert ist, so dass ich leichter auf sie zurückgreifen kann. Weil eine bestimmte Form kognitiver Instanz noch nicht existiert. Was ist unsere Muttersprache? Was ist meine? Welche Gestalt hat sie? Und was erschwert die Verständigung außerhalb ihrer Grenzen so sehr? Zumindest in den Anfängen der Begegnung. Wobei ich denke, dass die Verständigungsschwierigkeiten auf lange Sicht quasi nur untertauchen, indem sich an genannten Rollen und Rahmenbedingungen festgehalten werden kann. Dauern Beziehungen an, werden die anfänglichen Verstehenslücken wieder auftauchen. Und nach Bearbeitung anfragen. In welcher Form auch immer.

Wenn ich Muttersprache sage, dann meine ich nicht „das Deutsche“ (oder Französische) an und für sich. Auch innerhalb der Grenzen meines eigenen Landes gibt es permanent Begegnungen, in denen ich mich fremd fühle. Entfremdet. Unverbunden. Kopfig. Körperlos. Und dadurch in einer Art abhängigen Gefühl, das nur schwer zu ertragen ist. Weil es mich in einer sehr drängenden Form dazu nötigt, mich einer Form anzupassen, die mir nicht vertraut ist. Die ich möglicherweise gar nicht kenne. Als müsste ich etwas Unmögliches leisten. Was darin resultiert, dass ich mich in meinem Selbstsein auch unmöglich fühle. Ungemocht. Abgestoßen. Diese Mischung aus dem erzwungenen Versuch, mich anzupassen und mich gleichzeitig völlig unpassend zu fühlen, ist mitunter die schrecklichste zwischenmenschliche Erfahrung, die ich kenne. Eigentlich schlimmer als die Scham. Wobei diese vielleicht wiederum eine  Vorbotin ist. Um das Schlimmere – völlig außen vor zu sein – eben abzuwenden. Ihre Bedeutung läge also darin, den Anderen auszuloten und nach möglicher Kommunikation zu suchen, diese in Gang zu setzen.

Ich assoziiere bisher nur.

Unsere jeweilige Muttersprache ist ein komplexes Netz aus Signifikanzen. Manches davon verbal ausformuliert. Das wenigste. Die meisten Bedeutungen unserer Beziehungssprache, so zu vermuten, latent. Nonverbal. Unbewusst. Körperlich. Strukturell. Wo beginnt also die Lücke in der Begegnung mit einem Anderen? Beim Bäcker schon. Oder erst beim Sex? Ich frage mich. Und frage nach der Scham. Der Scham der körperlichen Bedürftigkeit, die in jeder Frage an den Anderen enthalten ist. Sei es nach Essen. Nach Orten der Notdurft. Nach Zuwendung. Nach sexueller Befriedigung. Nach seelischer Anerkennung. Nichts von alledem lässt sich in völliger Unabhängigkeit halluzinieren. Zumindest nicht nach meinen Vorstellungen von Freiheit.

Wie ich das also mit den Fremdsprachen meistern werde, hängt nicht nur am Vokabellernen, wie mir scheint. Auch wenn das hilfreich sein könnte. Ich werde sehen.

4 Gedanken zu “Die Muttersprache

  1. Paula sagt:

    Wir Deutschen haben ja in der Generation nach der Nazizeit verlernt, ganz selbstverständlich deutsch zu sein und zu sprechen, geschweige denn stolz darauf zu sein. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in den Siebzigern als junges Mädchen in Dänemark war und nicht besonders freundlich behandelt wurde, weil die Menschen dort noch die Deutsche Besatzungszeit in Erinnerung hatten. Und wie wir da immer Englisch gesprochen haben, um uns nicht gleich zu erkennen zu geben.
    Franzosen haben nicht dieses Schuld- und Schamproblem ais der Vergangenheit, jeder spricht dort selbstbewusst seine Sprache, egal ob man sie nun gleich versteht oder nicht. Einheimische neigen dazu, wenn man den Klang und die Aussprache ihrer Sprache richtig wiedergeben kann, zu glauben, dass man ihre Sprache auch spricht. Das hat schon zu absurden Suituationen in Frankreich geführt, wo ich andauern sagen musste „comment?“ „Je ne vouz comprends pas!“ Also ohne Wörterbuch und Radebrechen geht gar nichts, aber auf jeden Fall ohne Scham!

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  2. Paula sagt:

    Deine Kommentarfunktion funktioniert immer noch nicht. Mein Kommentar eben zu „Muttersprache“ erscheint nicht, wie schon einmal bei was anderem vor ein paar Wochen.

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  3. Paula sagt:

    Geht anscheinend heute doch? Komisch, jedenfalls ist mein längerer Kommentar von vorhion nicht zu sehen!?

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  4. Paula sagt:

    Dritter und letzter Versuch: Als ich in den Siebzigern nach Dänemark reiste als junges Mädchen aus der ersten Nachkriegsgeneration, habe ich immer Englisch gesprochen, um nicht gleich als Deutsche erkennbar zu sein, denn die Generation der Dänen, die die deutsche Besatzungszeit noch erlebt hatten, war noch am Leben und behandelte Deutsche noch kühl, reserviert und unfreundlich. Schuld und Scham über die Verbrechen der Eltern und Großeltern haben damals verhindert, stolz auf mein Deutschsein und meine Sprache zu sein. Im Gegenteil, es war mir sogar peinlich. Das ist bei Franzosen natürlich ganz anders, sie sprechen ihre Sprache selbstbewusst und unbelastet von Schuld.
    Interessant finde ich, dass wenn man es schafft, den Klang und Aussprache richtig zu machen, die Einheimischen sofort denken, man spreche ihre Sprache und sie dann ungehemmt und schnell mit ihrer Sprache antworten. Das hat bei Frankreichaufenthalten schon zu absurden und witzigen Situationen geführt. Also ohne Radebrechen, Gestikulieren und ohne Wörterbuch geht da gar nichts, aber ohne Schuld und Scham inzwischen schon!

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