Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Meine Tochter ist 3 Jahre alt. Seit zwei Monaten erst im Kindergarten. Und rotzfrech. Sie hält sich für die Größte von allen. Gängige Äußerungen derzeit lauten wie folgt:“Ich bin schon groß.“ „Ich gehe in die erste Klasse.“ „Ich bin Schulanfängerin.“ „Ich muss jetzt noch Hausaufgaben machen.“ „Ich bin die Schnellste.“ „Ich habe gewonnen und du hast verloren.“ Zudem hat sie großartige Ideen, wie man was besser machen müsste. Ihre Vorschläge, die eher in Kommandomanier vorgetragen werden, sind vielfältig. Ihrem 9jährigen Bruder geht sie damit gewaltig auf den Geist. Lösen bei ihm schlagartig das Bedürfnis aus, sie mit ihren Beschränktheiten, ihrer Abhängigkeit, ihrem Kleinsein zu konfrontieren. Weil er es als maß- und schamlose Lüge empfindet, was sie von sich gibt. Und eine persönliche Kränkung seiner wahren Überlegenheit. Die größte Rache, die er zu begehen in der Lage ist, wenn er sich gar nicht mehr zu helfen weiß, ist diejenige, ihre Schnullis zu verstecken. Einen nach dem anderen heimlich verschwinden zu lassen. Und ihr dies dann wie nebenbei und gerne dann, wenn sie in größter Not ist und einen solchen meint, dringend zu benötigen, unter die Nase reibt: „Die habe ich alle irgendwo in der Wohnung versteckt. Die findest du nie.“ In seinem Empfinden hat er in dem Moment, wo ihr Gebrüll startet, wieder Gerechtigkeit hergestellt. Die Wahrheit ans Licht gebracht. Nämlich die, dass er der Große ist. Der mehr weiß und kann. Und nicht sie, die es permanent zu behaupten wagt.

Ich habe noch keinen guten Weg gefunden, den Streit der beiden zu entschärfen. Dabei habe ich durchaus passable Ideen, wo der Weg hingehen könnte. Doch allein mir fehlen die rechten Worte. Um die scheint es auch nicht zu gehen. Es ist ein schwerwiegender Konflikt. Nicht nur der beiden.

2 Gedanken zu “Aktuelle Problemlage

  1. Paula sagt:

    Schwierig einem Neunjährigen zu erklären, dass seine kleine Schwester mit 3 Jahren noch magisch denkt und Wünsche mit der Realität verwechselt. Versuch doch mal an seine Großzügigkeit zu apellieren, sie ist noch so klein, dass sie es nicht besser weiß. Und ihre Schnuller zu verstecken ist nicht ok, hat seine Schnuller auch jemand versteckt, als er noch 3 Jahre alt war?

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    1. SR sagt:

      Liebe Paula, Großzügigkeit ist ein schöner Charakterzug. Aber schwer, wenn einen die Eifersucht angesichts der scheinbaren Bevorzugung plagt. Vor allem, wenn man schon verstanden hat, dass es – je „größer“ man wird – keine leichte Angelegenheit ist, die schwachen, weichen Seiten zum Ausdruck zu bringen. Während man ja gleichzeitig durchaus viel dafür übrig hat, als „groß“ gelten zu wollen und die damit verbundenen Vorzüge auch zu genießen…

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