Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

„Nein. Ich mach das selbst!“ Scharf traf mich ein frühmorgendlicher Rüffel, als ich freundlicherweise, wie ich dachte, das Tee-Ei aus der Tasse nehmen wollte, um diese meinem vesperschmierenden Mann zu bringen. Aber er war schon aufgesprungen. Wohlwissend, dass ich seinen präzisen Vorstellungen nicht gerecht werden könnte. „Das muss man erst langsam rühren und dann ganz vorsichtig rausheben. Sonst schmeckt es nicht.“ Seine Erklärungen waren durchaus überzeugend. Nur wenige Minuten später. „Nein, ich schenke die Milch lieber selbst ein. Du versaust mir das nur. Das macht einen Riesenunterschied, ob ein Schluck mehr drin ist oder nicht!“ Aha. Wieder was gelernt über ihn.

Ich habe viel Verständnis für diese Art Empfindsamkeiten, die da heute morgen kundgetan wurden als erste Kommunikation des Tages. Ich habe selbst reichlich davon. Aber irgendetwas störte mich doch an der feinen Nuance von Vorwürflichkeit, die in der Botschaft lag. Als verstünde ich es eben nicht. Oder müsste es schon richtig machen, bevor ich es wusste. Dabei stimmt durchaus, dass ich in der Vergangenheit schon das ein oder andere Mal den Tee nicht im gewünschten Sinne behandelt habe. Ich trinke allerdings selbst keinen Tee. Habe dahingehend also keine expliziten Wünsche. Und ich wusste wohl auch noch nicht, wie empfindsam dieser Mann ist, mit dem ich lebe. Er spricht auch nicht allzu ausladend darüber. Offensichtlich wünscht er dennoch, dass er darin beachtet wird. So verstehe ich meinen vorsichtigen Ärger. Als Reaktion auf die unbewusste Erwartung, die nicht expliziert wird, weil ansonsten möglicherweise im Raum stünde, dass er mir hinsichtlich absonderlich scheinenden Empfindsamkeiten in wenig nachsteht. Ich lege ausgesprochen großen Wert darauf, dass die Kaffeetasse morgens genau bis unter den Rand befüllt ist. Mit Wasser, dass maximal heiß ist. Weil auch nur annähernd lauwarmer Kaffee Ekelgefühle in mir hervorruft. Meistens finde ich mich irgendwie übertrieben.

Gestern waren die Haferflocken, mit denen wir jeden Morgen den Porridge unseres Sohnes zubereiten, ausverkauft. Ich musste also auf die feinblättrige Variante eines anderen Herstellers ausweichen. Schon im Rührprozess war klar, dass es Beschwerden geben würde. Über den veränderten Geschmack, die fremde Konsistenz, die wir ihm da frühmorgens quasi als Startup zumuten. Und so war es auch. Dies sei definitiv das letzte Mal gewesen, dass er solch ekligen Haferbrei gegessen habe. Nun ja. Er hat es gegessen. Not anything goes in unserem Erziehungsstil.

Aber hätte sich nicht wenige Minuten zuvor die Teediskussion im Vorfeld ereignet und hätten wir uns dadurch nicht gerade erst bewusst gemacht, wie viel eigene Empfindsamkeit in uns selbst angelegt ist, deren Missachtung wiederkehrende Konflikte in weit mehr Bereichen als der Nahrungsaufnahme auszulösen vermag, hätten wir möglicherweise von unserem Sohn heute strikt verlangt, sich nicht so anzustellen. „Hab dich nicht so!“ „Jaja, was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“ „Stell dich nicht so an.“ „Du kannst ruhig mal etwas Neues ausprobieren.“ „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ Leitsätze zumindest meiner Kindheit. (Und ich habe verhältnismäßig fürsorgliche Eltern wie ich meine, deren immerhin mütterlicher Teil bemüht war, auf meine Eigenheiten weitgehendst Rücksicht zu nehmen. Vielleicht nicht unbedingt auf die zartblättrigen. Die gab es schlichtweg nicht.)

Ich habe heutzutage wenig Mühe, meinen Kindern zuzugestehen, das zu essen, was ihnen schmeckt. Und das stehen zu lassen, was sie ekelt. Aber ich musste mir diese Gelassenheit mühsam erkämpfen. Nachdem ich lange Zeit frustriert und enttäuscht war, wenn nicht jedes meiner gekochten Gerichte so gut ankam wie erhofft. Mein Mann tat sich da in der Vergangenheit ebenfalls schon schwerer. In Zeiten, wo er den Tee vermutlich auch trank, nachdem ich ihn zuvor gründlich versaut hatte.

Was ist mit all den anderen Sensibilitäten im Umgang miteinander? Und im Umgang mit uns selbst? Wieviel Verständnis bringen wir wirklich auf, solange wir inneren Glaubenssätzen unterliegen? Vor allem, wenn diese so tief in unsere körperseelischen Strukturen eingeschrieben sind, dass es gar keine Worte dafür gibt? Erst vor wenigen Tagen hatte ich eine Craniosacralbehandlung. Ohne eine differenzierte Vorstellung davon, was damit beabsichtigt sein könnte oder was da genau passieren würde, habe ich mich dem mir bekannten Physiotherapeuten anvertraut. Weil ich bereits wusste, dass seine Berührungen heilsame Wirkung in mir entfalten können. Und wieder habe ich etwas erfahren über mich. Mein Bedürfnis nach achtsamer Berührung ist groß. Was nicht zwangsläufig meint, dass es nicht auch fester oder zupackender sein dürfte. Oder gar, dass der andere sich permanent nur an meinen Bedürfnissen orientieren müsse. Aber dass er mich nicht außer Acht lässt. Ich musste feststellen, dass ich Gegenteil erwarte. Und dass, obwohl ich als Kind nicht geprügelt, gewaltvoll missbraucht oder sonstwie forensisch misshandelt wurde in meinem Leben (Eine Bedingung, die viele Patienten meinen mitbringen zu müssen, um rechtens leiden zu dürfen bzw. Hilfe erwarten zu können.). Dass es keineswegs eine Selbstverständlichkeit für mich darstellt, meine körperlichen Empfindungen selbstbewusst zum Ausdruck zu bringen, wird mir immer klarer. Im zugeneigten wie im ablehnenden Sinne. Immer ist da diese Stimme, die flüstert: „Stell‘ Dich nicht so an. Da ist ja gar nichts. Das meinst du nur. Das ist halt so. Mach‘ halt einfach.“ Dabei ist gar nichts einfach.

Ich hätte die Haferflocken vermutlich gegessen. Ich hätte den Ekel mitgegessen. Trotz fehlender äußerer Notwendigkeiten und sichtbarer Zwänge. Weil ich den Ekel vielleicht nicht einmal  gespürt hätte. Ich aber sehr wohl spürte, dass man eben isst, was auf den Tisch kommt. Weil es nutzlos ist, Empfindsamkeiten zu äußern, die ein mächtiger Anderer verleugnet, den man nicht verstimmen will, nicht enttäuschen, nicht verlieren. Weil man ohne Schutz kein Leben bestreiten kann. Das Haferflocken-Tee-Beispiel ist dabei ein denkbar banales. Und mehr eine Metapher für all das Unsagbare, das in uns schlummert.

Es ist wirklich schwer, sich die Sensibilitäten der Kindheit zurückzuerobern. Und ob es Sinn macht in dieser Welt, sei ja auch dahingestellt. Man kann ja froh sein, dass es überhaupt Haferflocken in rauhen Mengen gibt. Oder?

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