Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Ich habe lange nichts mehr geschrieben hier. An manchem Abend in den letzten Monaten habe ich meine Ideenlosigkeit bedauert. Erinnerte ich mich doch gut an die Aufregung der ersten Wochen nach Ausbruch der Pandemie. In welchen der allgemeine Aufruhr auch mich aufgerührt hatte und die Worte nur so aus mir herauszusprudeln schienen. Es fühlte sich an, als hätte ich zum Geschehen etwas Bedeutsames mit meinen Worten beizutragen. Als wäre eine unversiegbare Quelle der Kreativität in mir angezapft worden, die mich mit einer lang ersehnten Lebendigkeit in Kontakt brachte. Ich schrieb und schrieb und schrieb. Nicht alle Ideen, die sich da ihren Weg nach draußen bahnten, können im Rückblick als Stilblüten bezeichnet werden. Es war auch Mist dabei. Aber es fühlte sich geil an. Mich so beteiligt zu fühlen. Wie und was da genau mit mir passierte, wollte ich nicht verstehen. Nicht sofort. Ich wollte auf der Welle reiten.

Dann kam peu à peu das normale Leben wieder. Der Alltag. Mit all seinen darin liegenden Pflichten, die in meinem Fall dazugehören. Die Steuererklärung kann zwar dank Corona später eingereicht werden. Aber gemacht werden muss sie. Was essen wir heute? Wer geht einkaufen? Scheiße, sind die Toiletten schon wieder schmutzig. Eine Weile noch hatte ich etwas bemüht wenn nicht gar verkrampft um die emotionale Ekstase gekämpft. Doch allzu bald war klar: so wird es nicht bleiben. Es ist jedes Mal eine mühsame Erkenntnis, wieder mal einem Irrglauben aufgesessen zu sein. Zum hundertsten Mal geglaubt zu haben, dass das gewöhnliche Elend nun endlich ein Ende haben würde. Die letzte Erkenntnis nun über mich gekommen sei, welche mich weise zur Welt sprechen lassen würde. Und diese zuhören könnte, ja MÜSSTE. Ach ja. Diese verführerische Idee der Erhabenheit kriegt mich immer noch. Immer wieder.

Meine Alltagsrealität hingegen hat sich durch Corona wenig verändert. Ich gehe jeden Tag arbeiten. Ich bringe die Kinder in Schule und Kindergarten. Es heißt jetzt manchmal nur anders: Notbetreuung. Der Betreuungsschlüssel ist optimal, die Lernbedingungen dadurch ebenfalls. Ich fühle mich privilegiert. Noch mehr als zuvor. Ich treffe Freunde, auch wenn es nur noch die wichtigsten sind. Der ein oder andere Kontakt hat sich deutlich reduziert. Was ich nur bedingt bedaure. Mein Leben ist (noch) ruhiger geworden abseits der beruflichen Wege. Ich fühle mich am Wochenende nicht mehr so unter Druck, unbedingt etwas Grandioses unternehmen zu müssen, um die Kinder zufrieden zu stellen. Gemacht habe ich es ja doch nie. Aber jetzt fällt es nicht mehr auf. Niemand unternimmt derzeit etwas Weltbewegendes. Und mir scheint, die Kinder sind zufrieden, wenn es mir gelingt, einfach da zu sein. Und das ist herausfordernd genug. Besonders, wenn man nicht weglaufen kann.

Meine Art, mich medial mit Corona zu beschäftigen, war im vergangenen Jahr die tägliche Google-Suche (Suchbegriff: „corona aktuell“). Meistens erschienen an erster Stelle die Inzidenzen und neusten Infektionszahlen, gefolgt von diversen journalistischen Kommentaren zu neusten virologischen Einschätzungen, selten waren Überraschungen dabei. Ich hielt mich bezüglich Wissensgewinn an Menschen, die deutlich mehr Medien konsumieren als ich, war also immer nur aus zweiter Hand informiert. Nein, informiert war ich vermutlich nie wirklich. Stattdessen beobachtete ich. Vorwiegend die Menschen um mich herum. Das weitere Umfeld, das im letzten Jahr ja nicht besonders weit reichte. Ich hatte dennoch genug zu tun. Wer zeigte sich ängstlich aus welchen Gründen. Wie vertrat er oder sie dies nach außen. Mit wem sprach ich wie über was und was nicht. Wann wurde Corona zuhilfe genommen, wenn es anders nicht mehr weiterging. Ich bin nicht sicher, ob ich auch nur einen Menschen getroffen habe, dessen Verhalten mir als ein rein vernunftgemäßer Umgang mit der realen Gefahr erschien. Alle, und da schließe ich mich explizit mit ein, handelten gemäß der eigenen Begrenztheit – wo auch immer diese im Speziellen zu verorten war. Keine Überraschungen. Ich wunderte mich dennoch, mit welch überzeugter Haltung so viele eine klare Meinung vertraten. Wie diese Pandemie zu bewerten sei. Was vernünftig ja verhältnismäßg sei. Gar richtig. Ich habe bis heute noch keine Meinung. Ich weiß vielmehr gar nicht, wie das gehen soll. Eine Meinung zu einer Pandemie zu haben. Aber naja. Ich informiere mich ja auch nicht.

Ich beobachtete auch mich selbst. Muss dies ja quasi von Berufs wegen. Angst vor einer Infektion mit dem Virus hatte ich kaum. Ich habe in Absprache mit meinen Patient*innen zu keinem Zeitpunkt mit Maske oder gar per Zoom gearbeitet. Weil ich so keine Therapie machen kann. Mitunter kam mir meine relative Angstfreiheit bezüglich Ansteckung schon verdächtig vor. Darf ich wirklich keine Angst haben? Obwohl es doch eine offensichtlich ganz reale Gefahr gibt? Zeugt dies nicht lediglich von einer tiefreichenden Naivität, welche die eigene Verletzlichkeit, die eigene Sterblichkeit am Grunde meines Daseins verleugnet? Ja. Das ist möglich bis sehr wahrscheinlich. Ich bin dem Tod in meinem bisherigen Leben auffallend wenig begegnet. Es wäre für mich sehr leicht zu sagen: Seht her – man muss keine Angst haben! Ich habe auch keine. Schließt euch mir an. Habt Vertrauen und wir werden diese Pandemie gemeinsam überstehen! Zumal ich die Infektion selbst Ende letzten Jahres gut überstanden habe… Vermutlich habe ich auch eine geraume Zeit lang insgeheim so gedacht, konnte mich aber gerade so zurückhalten, an die Öffentlichkeit damit zu gehen. Es ist komplizierter. Viel komplizierter.

Gestern – ich habe mal wieder „corona aktuell“ gegoogelt – schlug mir die, ja wie soll man das bloß nennen?, Welle der Entrüstung, Empörung, Besserwisserei, Kampf um die (moralische) Deutungshohheit aus dem Netz entgegen bevor ich auch nur ein Video der Schauspieler um die Aktion #allesdichtmachen gesehen hatte. Eine Flut an Emotionen war also schon über mich drübergegangen bevor ich überhaupt wusste, um was es ging. Vermutlich ein Vorgang, der meistens genau so passiert. Nur etwas stiller. Unauffälliger. Ich hatte also bereits zig Tweets gelesen bevor ich den Ursprung der Debatte kannte. Das holte ich dann postwendend nach. Ich suchte mir drei Videos der von mir am meisten geschätzten Schauspieler aus und schaute. Beim ersten lächelte ich ein wenig müde. Beim zweiten war ich etwas aufmerksamer geworden. Das dritte packte mich. Ich brach spontan, ohne dass ich es hätte irgendwie verhindern können, in schallendes Gelächter aus. Ich konnte nicht mehr an mich halten beim Anblick Richy Müllers, der von einer Plastiktüte in die andere atmete, um sein spezifisches Ansteckungsminimierungskonzept zu erläutern. Man könnte wohl sagen: ich lachte mich fast tot. Diese tiefe Heiterkeit, die mich erfasste, hatte etwas ungemein Befreiendes. Ich habe am Abend auch noch alle anderen Videos angesehen – zumindest diejenigen, welche bis dato noch nicht vom Netz genommen worden waren, weil die Hetzjagd bereits ihren Lauf genommen hatte. Ja. Das Meiste hat mich jetzt nicht vom Hocker gerissen.

Welche Meinung habe ich nun zu dieser Aktion? Um ehrlich zu sein: KEINE AHNUNG. Ich wundere mich vielmehr, wie viele Menschen sich in welchem Affentempo wenige Minuten und Stunden nach Bekanntwerden der Videos berufen fühlen, eine klare Meinung zu formulieren. Wie gelingt das nur? In all dieser komplexen und hochakuten Gemengelage?

Ich muss ehrlich bleiben. Die Verführung, selbst genau DAS zu tun, war da: bewerten und meinen. Mein spontanes Lachen hatte eine solch belebende Energie in mir freigesetzt, dass ich mich durch die moralisierende Kritik am Auslöser meiner Erregung förmlich attackiert fühlte. Und was liegt da näher als einen Gegenangriff zu führen? Es geschah also in Sekundenschnelle genau das. Ich verteidigte hysterisch anmutend den Kunstbegriff, der im Untergang begriffen sei. Die Dümmlichkeit all dieser Besserwisser und Zurechtweiser, die bei ihrer plumpen Meinungsmache auch nicht einen zweiten differenzierten Blick einzunehmen vermögen. Ich ärgerte mich über diesen banalen Wettstreit darum, wer denn nun am meisten (oder überhaupt) Empathie in dieser Pandemie verdient habe. Über diese sich wiederholenden Vorgaben, wie ich mich wann und warum so aber nicht so zu fühlen habe. Ich steigerte mich regelrecht in meinen Ärger hinein. Ich lasse mir doch nicht das Lachen verbieten! Ich habe ein Recht darauf, mich lebendig zu fühlen! Diese Künstler haben meine volle Unterstützung! Ich stehe bereit zur Verteidigung der freien Äußerung von…ja, von was nur?

Da ich glücklicherweise (manchmal zugegebenermaßen leider) nicht nur Menschen um mich habe, die meine Sichtweise zustimmend abnicken, war ich schnell gezwungen, meinen Überschwang an kurzfristiger Sicherheit anzuzweifeln. Hinter die oberflächliche Erstbewertung zu fühlen. Puh. Woher all diese Wut? Diese Verachtung? Welche Garstigkeit schlummert da in mir? Ist es gefährlich, so zu fühlen und zu denken, wie ich es hier in Reinform gar nicht wiedergeben will?  Ich muss wohl mindestens eine Nacht darüber schlafen, bevor ich eine Chance habe, mehr zu verstehen von der Person in mir, die ja gut und gerne von allzu verdächtigen Menschen beklatscht werden könnte, würde ich mich so äußern wie ich kurz gedacht habe…

Ich habe also eine Nacht geschlafen. Was im Grunde natürlich immer noch viel zu wenig ist. Daher nur Folgendes.

Zwischenfazit. Es macht Spaß, mich lebendig zu fühlen. So ganz und gar unkontrolliert. Ich habe mich sehr lebendig gefühlt als ich gestern so lachen musste. Auch wenn ich vielleicht über „das Falsche“ gelacht habe. Nicht moralisch und politisch und menschlich korrekt dabei war. Weil ich mir all der Implikationen, welche dieses Video AUCH hat, einen Moment lang nicht gewahr war. Weil ich die Lust gespürt habe, über die Angst zu lachen, die in diesen Tagen so allgegenwärtig und doch so wenig greifbar ist. Weil es einfach so gut getan hat zu lachen.

Ist es empfehlenswert, wenn ich mich jetzt schäme? Besser so tue, als hätte ich gar nie gelacht? Als hätte ich nicht gerne eine öffentliche Solidaritätsbekundung laut herausgeschrien, um all den Diffamierern, all den Meinungsmachern, all den Besserwissern und moralisch Korrekten zu trotzen, die zu wissen meinen, wie man sich immer richtig verhält. Ich bin froh, dass ich es unterlassen habe (mal davon abgesehen, dass sich für meine Meinung sowieso kaum jemand interessiert). Ich versuche, darüber nachzudenken, was da in mir angesprochen wurde. Was mich verführt hat. Warum ich so trotzig auf die allgemeine Kritik daran reagiere. Worin ich mich dadurch angegriffen fühle.

Bin ich nun froh, durch meine innere und äußere Lebensrealität ein wenig mehr Raum zum Denken zu haben als sich andere  zu geben scheinen? Fühle ich mich dadurch besser? Auf der richtigen Seite gar? Nutzen mir die Erkenntnisse dieser stillen Prozesse für irgendetwas in dieser Welt?

Spontan schreien ist definitiv geiler.

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