Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Es war ein so schöner Abend auf den Stufen des Theaters. Wie süß eine freundschaftliche Umarmung sein kann ist in all der Coronaabstandsgemengelage eine wärmende Erfahrung. Aus einem tiefen Bedürfnis heraus den anderen zu umschlingen ist etwas, was mir nicht besonders vertraut ist. Ich war lange Jahre eine Abstandsumarmerin. Körperlich nah und seelisch dabei doch …

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Es ist schwer, ehrlich über die eigenen Kinder zu sprechen. Denn über die eigenen Kinder zu sprechen könnte immer dazu führen, auch etwas über sich selbst auszusagen. Und das wird ja gemeinhin lieber vermieden. Dabei ist es natürlich nicht so, als könnte man nicht Stunden und Tage damit zubringen, sich gegenseitig Anekdoten aus dem Leben …

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Liebe M., als meine Familie gerade zehn Minuten zuvor die Wohnung verlassen hatte, ich mich zum ersten Mal seit geschlagenen neun Tagen im neuen Zuhause alleine wiederfand, schon vorauseilend zu fürchten begann, ob ich die vor mir liegenden Stunden wirklich so würde füllen können wie ich es die ganzen zurückliegenden Stunden ersehnt hatte. Just in …

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Lieber L. M., Danke für deinen ellenlangen Kommentar zu meinem Text „Über Verantwortlichkeit“. Auch wenn ich deinen Hinweis darauf, dass dein Schreiben natürlich nichts Eigenkreatives deinerseits, sondern eine reaktive Auseinandersetzung mit meinem Kommentar auf deinen Kommentar zu einem wiederum vormaligen Beitrag meinerseits darstellt, verstanden habe…Sollte es deine innere Struktur nicht zu sehr unangenehm durcheinander bringen, …

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Über Verantwortlichkeit

7. Mai 2020


Lieber L.M.,

Du hast heute meinen letzten Beitrag kommentiert. Und obwohl ich darauf bereits geantwortet habe, sind mir noch zu viele Dinge offen, die mich umtreiben. Die ich unbedingt aussprechen muss. Die mich wirklich aufwühlen. Dabei habe ich keine Ahnung, ob ich Dich richtig verstanden habe. Welche Botschaft da bei mir angekommen ist. Und auf was ich reagiere. Aber ich will es verstehen. Meine Gefühle verstehen. Denn ich bin wirklich aufgebracht. Allerdings gibt es dafür heute viele Gründe. Ich habe am Morgen erfahren, dass ein Schüler an der Schule meines Sohnes sich vergangene Woche das Leben genommen hat. Es steht eine Gedenktafel in der Grundschule neben dem Musikzimmer. Die Musiklehrerin hat uns informiert. Sie hätte das nicht müssen. Sie wollte, dass wir das erfahren. Bevor mein 9jähriger das nächste Mal die Schule betritt. Das hat mich volle Breitseite erwischt. Ja. Menschen nehmen sich das Leben. Ja. Auch Schüler. Ja. Es gibt Verzweiflung durch alle Altersklassen. Durch alle Schichten. Aus vielen Gründen. Und ja. Vielleicht hätte sich dieser Schüler auch ohne Corona das Leben genommen. Vermutlich. Möglicherweise zu einem anderen Zeitpunkt. Weil er ganz ohne virale Bedrohung nicht die Zuversicht in sich finden konnte, dass dieses Leben etwas für ihn bereit hält. Aber es ist Corona. Und wir können das nicht außen vor lassen. Ich habe schon lange Angst vor der Verzweiflung, die sich in der Breite Bahn brechen könnte. Die Verzweiflung, die schon vor Corona da war. Die jetzt aber nach oben gespült wird, weil eine Massenbewegung in Gang ist. Und die Erschütterung des kollektiven Unbewussten nicht spurlos an uns vorübergeht. An keinem. Man kann hingucken. Oder es lassen. Ich bevorzuge ersteres.

Ich habe heute morgen sehr spontan, einem wirklich intuitiven Bauchgefühl folgend, als ich an die junge Frau gedacht habe, die mit einer lebensfrohen, einfühlsamen Begeisterung unsere Kinder hütet, dass es eine wiederkehrende Freude ist, sie gefunden zu haben, eine kurze Notiz in diesem Blog geschrieben. Über ihre Oma, die verstorben ist. Was sie wirklich sehr traurig macht. (Was ich nicht als Selbstverständlichkeit betrachte. Blutsverwandtschaft verpflichtet nicht zu Traurigkeit. Aber sie ist wirklich traurig.) Und sie zweifelt in ihrer Seele, ob sie nicht auch ein wenig Schuld am Tod ihrer geliebten Großmutter trägt. Es war ein sehr feines Gefühl von Schuld, das ich wahrgenommen habe. Keine Schuld in dem Sinne, etwas falsch gemacht zu haben, was ohne Weiteres richtig zu machen gewesen wäre. Keine Selbstvorwürfe. Keine Beschuldigung anderer für Regeln, die man selbst befolgt hat. Nichts von alledem. Es war vielmehr ein leises Zweifeln über das zurückliegende Handeln. Und ob es Alternativen gegeben hätte. Ob es nicht doch möglich gewesen wäre, die Oma zu besuchen. Wo man doch wusste, wie sehr sie unter dem Alleinsein litt. Wie wenig sie es verstehen konnte. Welche Phantasien sich daran möglicherweise knüpften. Alleinsein kann Gespenster hervorrufen, die einen das fürchten lernen. Oder sterben lassen wollen. Gut. Sie war 82. Vielleicht wäre sie eh bald gestorben. Aber es ist Corona und wir kommen an dieser Tatsache nicht vorbei.

Lieber L.M., Du hast also kommentiert. Und ich möchte wirklich verstehen, was DU meinst. Und ich versuche dafür, zur Verfügung zu stellen, was ICH beim wiederkehrenden Lesen deines Kommentars empfinde und mit einer gewissen Distanz denke. Vermutlich ist es nur die Hälfte dessen, was man dazu denken könnte. So ist es ja immer.

Es sei ein großes Fass, was ich da aufmache. Ja. Zugestimmt. Auf ganzer Ebene. Außer einem Einwand. Das große Fass war schon auf. Seit die globale Pandemie um sich greift und alle Nationen unterschiedlichster Couleur darauf mehr oder weniger umfassend reagieren und seit die Bilder der zusammenbrechenden Gesundheitssysteme aus den Nachbarländern uns erreicht haben. Seitdem sind wir alle in Alarmbereitschaft. Die ganze große Gruppe Menschheit. Die Angst hat zugeschlagen. Und es scheint mir eine ziemlich tiefgehende Angst zu sein. Angst macht ja nun bekanntermaßen dumm. Und zwar alle. Auch diejenigen, die ansonsten mit ausreichend Denkvermögen gesegnet sind. Und Angst ist unberechenbar. Wir wollen sie nämlich alle so schnell wie möglich wieder loswerden. Am besten noch bevor wir sie spüren müssen. Denn vielleicht könnten wir das Zittern, das panische Beben, das ganze aufgerührte Vegetativum nicht ertragen. Schocksterben – gibt es das? Vermutlich könnten wir es nicht aushalten. Nein. Also schnell weg damit. Egal mit welchen Methoden. Egal wie. Nur weg damit. Irgendwelche Sicherheiten müssen her. Um Wahrheit geht es jetzt nicht. Später wieder. Jetzt geht es um Sicherheit. Ich weiß, von was ich spreche. Und ich hatte bisher noch keine Angst vor dem Virus. Aber ich hatte Angst. Angst, wie meine Patienten das verkraften würden. Angst, dass mein Arbeitsplatz verloren gehen könnte. Dass ich mein Team, die Menschen, die mir Rückhalt geben, verlieren könnte. Angst, dass meine Familie daran zerbricht. Angst, dass mein Sohn depressiv wird und ich nur zuschauen kann, weil ich ihm keine sozialen Kontakte zur Verfügung stellen kann. Angst davor, dass alle paranoid werden. Auch die besten Freunde nicht mehr erreichbar sind. Angst, dass Traumata unkontrolliert hervorbrechen könnten. Wir uns darüber die Köpfe einschlagen. Bevor es kein Klopapier mehr gibt. Angst, dass das alles nie vorbei geht. Nach Corona eine schlimmere Epidemie kommen könnte. Die auch Kinder betrifft. Meine Kinder betreffen könnte. Nicht nur die Alten. Und dann? Angst vor Einsamkeit hatte ich eigentlich nicht. Mir ist aufgefallen, wie einsam ich bereits die letzten Jahre oft war. Ja, ich hatte in den letzten Wochen viele Ängste. Und ich habe viele Menschen mit Ängsten gesehen. Unterschiedlichster Art. Und das waren bei weitem nicht nur meine Patienten, falls das jemanden trösten würde.

Ich traue in diesen Tagen niemandem, der behauptet, er habe zu keinem Zeitpunkt Angst gehabt in den letzten Wochen, der behauptet, das sei alles eine große Hysterie, politische Machtspiele, ein Ausdruck unserer bisher verleugneten Angst vor der Klimakatastrophe, ein Witz, eine Verschwörung…oder sonst irgendetwas rational zu Wissendes. All diejenigen, die derzeit so tun, als gebe es auch nur annähernd etwas Sicheres zu wissen in dieser unübersichtlichen Sache, verstehen meiner Ansicht nach recht wenig. Und während ich das sage, muss ich schmunzeln, denn ich behaupte natürlich auch mit felsenfester Überzeugung, dass wir alle Angst haben und dass das Problem sei. Meine kleine psychologische Perspektive. Genau. Wir können schlichtweg nicht anders, als mit unseren gewohnten Sichtweisen und Sicherheiten zu plädieren, um sicheren Boden unter die Füße zu bekommen. Das ist ja auch immer so. Und als Einzelindividuen haben wir ja immer einen im Grunde so unbedeutenden Blick auf das große Ganze, dass es ein Wunder ist, dass sich überhaupt so viele Menschen trauen, irgendetwas zu äußern. Und deswegen, weil es eigentlich klüger wäre, die Klappe zu halten, ist es gerade so wichtig, dass man überzeugt von sich und seinen Überzeugungen ist, bereit, den eigenen Blick für unverzichtbar zu halten. Denn während das einerseits eine narzisstische Verkennung darstellt, ist es ja andererseits essentiell, sich kundzutun. Um in Verbindung treten zu können mit anderen, abweichenden Sichtweisen. Um sich bestenfalls gemeinsam dem großen Ganzen nähern zu können. Aber eben das ist verdammt schwere Politik. Und beim Wort Politik komme ich auf deinen Kommentar zurück. Denn deine Forderung, der „wenig greifbaren und für die meisten Menschen abstrakten, rationalen Komponente gleichberechtigt Raum“ zu geben, hat mich plötzlich verstehen lassen, warum Menschen die AfD wählen. Und bitte verstehe mich nicht falsch. Ich halte nicht DICH für überheblich. Aber in dieser Ausdrucksweise schwingt eine Art Sich-Über-Etwas-Stellen mit, die mich wirklich kränkt. Nicht persönlich, da bin ich zu selbstsicher. Aber es ist dieser leichte Hauch von intellektueller Überheblichkeit, auf den ich aufgrund meiner proletarischen Herkunft sehr empfindlich reagiere. Dieses „Ich habe den Punkt verstanden, während die anderen noch in ihrer Emotionalität gefangen sind.“ Oder habe ich Unrecht? Und springt eben doch nur meine ganz eigene, persönliche Empfindlichkeit an, von der ich so schlecht absehen kann. Ich halte das durchaus für eine realistische Vorstellung. Deshalb wäre ich froh, du würdest dich dazu äußern. Möglicherweise bin ich an diesem Punkt deines Kommentars schon ausgestiegen. War mein Blutdruck schon zu hoch, um wirklich klug weiterzudenken. Nun sind einige Stunden vergangen, der Blutdruck ist bei der Beschäftigung damit immer noch hoch, aber ich versuche mich zu mäßigen. Und von Zeile zu Zeile werde ich ruhiger. Noch einmal. Ich will deine Position wirklich verstehen. Was meinst du mit dieser „wenig greifbaren rationalen Komponente“, die für die „meisten Menschen zu abstrakt“ wäre? Sprichst du von der Wahrscheinlichkeit, eher an Corona als an Einsamkeit zu sterben, wenn man 82 Jahre alt ist? Moment. Das klingt zynisch. Woher kommt das? Ich ärgere mich über eine Annahme, die ich hinter deiner Formulierung heraushöre. Vielleicht eine Unterstellung. Daher versuche ich zu erläutern. Ich höre, dass du von einer rationalen Komponente ausgehst. Die zwar insgesamt wenig greifbar ist, für dich aber eventuell schon. Und dass die meisten Menschen so abstrakt nicht denken. Was meinst du? Dass es Ansteckungsrisiken gibt? Dass Abstandsregeln und Mundschutz gut sind, um diese zu minimieren? Dass es gut ist, eine Krankheit, die sich epidemisch ausbreitet und „schlechte“ Gesundheitssysteme zum Kollaps bringt, zu verlangsamen und irgendwie unter Kontrolle zu bringen? Da wären wir völlig einer Meinung. Ich bin keine Abseitige oder Kamikaze-Denkerin. Ich frage nur. Warum sollte das zu abstrakt für die meisten Menschen sein? Das ist doch relativ leicht zu verstehen. Haben ja auch sehr viele verstanden. Schließlich war die Zustimmung in unserem Land für einen Shutdown enorm hoch. Viele hätten sich sogar noch härtere Maßnahmen gewünscht. Die Sehnsucht nach einem starken Führer war auch unverkennbar. Die deutsche Seele ist träge.

Du schreibst, dass die Frage der Verhältnismäßigkeit – so hatte ich meinen Beitrag genannt – eine wichtige sei. Um sich einer Antwort anzunähern, bräuchte man aber die Kenntnis der Wahrscheinlichkeit. Welche Wahrscheinlichkeiten? Ich unterstelle dir hier wieder etwas. Um Gottes Willen. Ich bin furchtbar. Also. Zweierlei. Erstens unterstelle ich, dass du – möglicherweise aus deiner persönlichen/beruflichen/fachlichen Perspektive die medizinischen/physiologischen Wahrscheinlichkeiten meinst. Die medizinische Gefahr durch das Virus. Die Gefahr für unseren Leib. Das körperliche Leben. Die Unversehrtheit unserer Organe. Da kann ich nicht mitreden. Ich weiß zu wenig. Auch wenn man in diesen Tagen ja schnell und viel lernen kann. Allerdings Widersprüchliches. Denn auch die Wissenschaftler sind sich ja keineswegs einig. Oder in nur sehr wenigen Punkten. Und nachhaltig ist das Wissen auch nicht unbedingt. Dafür ändert es sich zu schnell. Ich sehe vor allem Todeszahlen. Die sind hoch. Aber nicht allzu hoch. Sie ereignen sich schnell. Das ist beunruhigend. Sie greifen um sich. Gehen um die ganze Welt. Diese Geschwindigkeit ist beunruhigend. Und diese Unkontrollierbarkeit. Diese Unsichtbarkeit der Gefahr. Die wir durch Testungen offensichtlich machen wollen. Ich kann die Wahrscheinlichkeit der Gefahr schlichtweg nicht einschätzen. Vor allem welche Wahrscheinlichkeit für wen? Das Individuum? Welches? Die Oma? Meinen Partner? Mich? Was davon muss ich einschätzen? Was würde mich am meisten ängstigen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für die Gruppe zu erkranken? Und dann. Was, wenn die Gruppe nicht mehr funktioniert? Auseinanderfällt. Alle davonrennen in alle Himmelsrichtungen. Vereinzelt. Splittergruppen. Ich assoziiere. Was meinst du mit Wahrscheinlichkeiten, die man braucht, um eine rationale Entscheidung zu treffen? Was ist die Art von Wahrscheinlichkeit, mit der du derzeit hantierst? Worin macht dich das wie sicherer? Ich sehe Menschen in Aufruhr. Menschen in finanziellen Nöten. Mit Existenzangst. Menschen, die ihren Unmut nicht mehr kontrolliert bekommen und zuschlagen. Noch häufiger als bisher schon. Ich sehe Kinder ohne Sozialkontakte. Du kennst die Forschungsergebnisse zur Bedeutung sozialer Kontakte zum Schutz vor Erkrankungen wahrscheinlich besser als ich. Ich weiß nur, dass meine Evidenz das sicher weiß. Ich sehe Verzweiflung. Nicht die oberflächliche. Die in der Tiefe. Die auch schon da war. Und jetzt hochkommt, wo die Gruppe nicht mehr hält. Ich sehe Politiker, die sich aufblähen wie eh und je. Starke Reden schwingen. Sicherheiten versprechen. Ach ja. Welche Sicherheiten? So leicht bin ich nicht zu trösten. Ich sehe schon zu lange eine Politik, der ich nicht zutraue, dass sie sich wirklich kritisch reflektiert. Fehler zugibt. Nachbessert. Sich der eigenen Scham stellen könnte darüber, dass man zweifelhafte Dinge getan hat, nur um scheinbare Sicherheiten zu schaffen. Die sich aber als falsch herausgestellt haben. Ich habe große Sorge, dass nach dieser ganzen Sache die Rechtspopulisten auch in Deutschland wieder richtig angesagt sein werden. Denn es gibt genug Futter für sie, auf dass sie sich gierig stürzen können, wenn die Angst nur ein wenig abnimmt. Und sie haben verdammt noch mal recht. Wenn Menschen sich öffentlich präsentieren und mit ihren dicken satten Bäuchen verkünden, sie verstünden die Ängste der Menschen und nun müsse man halt zusammenhalten und das, was man gesagt hat, sei nicht falsch gewesen, sondern eben nur nicht ganz richtig, aber daran sei ja jemand anders schuld und wenn der nur…, dann hätte man es ja auch besser gemacht. Nein. So nicht. Ich bin völlig abgewichen. Entschuldige. Welche Wahrscheinlichkeiten meintest Du, die man zum Thema Verhältnismäßigkeit berücksichtigen müsste?

Zweitens (es gab mal einen Beginn meines roten Fadens, finde ihn, wer wolle) unterstelle ich dir, dass du mir einerseits tröstend zustimmst („Ja, du hast ja recht, Verhältnismäßigkeit ist wichtig.“), im gleichen Atemzug aber deine Sichtweise als diejenige in den Raum stellst, welche handlungsleitend für eine angemessene Schlussfolgerung wäre. Du beziehst dich ja auf die wenig greifbare rationale Komponente, welche miteinbezogen werden sollte. Womit du ja, es geht weiter mit Unterstellungen, mir attestierst, ich hätte das nicht getan, als ich den emotionalen Text zum Tod der Großmutter, der Trauer der Enkelin sowie die Schuldthematik ins Spiel gebracht habe. Ich weiß nicht mehr, ob ich dir das wirklich vorwerfen will. Irgendwie reicht es. Ich bin erschöpft.

Über eine Antwort würde ich mich riesig freuen. Und bitte: ich will über Verantwortlichkeit sprechen. Ich will, dass wir an der Basis der Politik, wir, die fähig sind zu denken, wir, die unterschiedliche Standpunkte in dieser Geschichte vertreten, miteinander sprechen. In gegenseitigem Respekt den Konflikt wagen. Damit die Gruppe nicht auseinanderrennt. Und jeder allein bleibt als Ergebnis des Social Distancing. Thema verfehlt.

PS: Wie beurteilst du eigentlich den schwedischen Weg der Eigenverantwortung? Haben die vielleicht weniger Angst, weil sie mehr auf ihre individuelle Urteilsfähigkeit bauen als auf einen starken Staat? Es gibt viele Fragen, die man sich derzeit stellen kann.

Rotas rutinas – Gibt es Beziehung jenseits von Projektionen?

26. April 2020


Lieber F., wie schön, mal wieder persönlich gesprochen zu haben. Mit Worten und mit Klang. Auch wenn die Umarmung noch bis August warten muss 🙂 Habe gerade prompt deinen Text erneut gelesen. Eine wohltuende Vorstellung, mit dir auf der Wiese zu liegen und gemeinsam zu phantasieren. Ich habe früher schon gerne Wolkenbilder gemalt. Auf der Wiese hinter dem Haus. Ausgetretene Pfade verlassen, neue Wege beschritten, ganz im Geheimen, ganz für mich. Tja, wenn das nur heute noch so einfach wäre, wo ich kein Kind mehr bin.

Warum sind wir wohl AnalytikerIn geworden? Hast du eine Theorie für dich, die aufgeht? Waren wir vielleicht schon immer besonders wirkungsvolle Gefäße für die Projektionen anderer und es somit gewohnt, so oder so und so oder so gesehen zu werden. Mannigfalte Gestalten anzunehmen. Keine eigene Gestalt entwickeln zu müssen. Oder können. Haben wir das immer schon nur im Geheimen geübt? Auf der Wiese hinterm Haus? Haben wir möglicherweise durch unsere Berufswahl lediglich aus der Not eine Tugend gemacht, die heute unser Leben bestreitet? Sind wir noch auf der Suche nach der eigenen Gestalt? Oder haben wir aufgegeben und den Auftrag an unsere Patienten abgegeben. Die dann auf die Bühne bringen sollen, was uns nicht gelungen ist.

Ich möchte dich nicht entmutigen, bevor du selbst das Abenteuer Elternschaft kennenlernen konntest. Und ich frage dennoch. Gibt es wirklich Menschen, die fähig wären, in ihrem Kind etwas ganz Eigenes zu sehen und nicht nur das Bild der eigenen Träume, der unerfüllten Sehnsüchte, abgewehrten Ängste, erhofften Wünsche? Ich habe das bisher kaum geschafft. Vielleicht nähere ich mich im Schneckentempo an. Aber ist das überhaupt Sinn der Sache? Die Projektionen zurückziehen, meine ich. Welche Verbindung bleibt dann? Ist das nicht die gleiche Frage nach dem Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe? Wie ist das mit dem Verlieben? Und einer beginnenden therapeutischen Beziehung? Und der Geburt eines Babys? Neuen Freundschaften. All diesen Verheißungen auf etwas Neues. Die Erlösung von…

Ich bin in den letzten Jahren immer mehr mit diesen Fragen beschäftigt. Können Beziehungen wirklich mehr sein als gegenseitige Besetzungen für die immer gleichen Rollen. Schicksalhafte Synchronizitäten, in welchen wir aneinander und miteinander unsere Geschichten wiederholen, modifizieren, bestenfalls ein wenig erweitern. Uns auf jeden Fall benutzen. Brauchen und missbrauchen zu je ganz individuellen Teilen. Sind wir bei all dem wirklich fähig, den Anderen als verschieden beziehungsweise unterschiedlich zu erkennen und wenn ja, nach wie vielen Jahren und in welcher Beziehungsform?

Lieben – das scheint mir mehr und mehr etwas für Außerirdische zu sein. Aber vielleicht gelingt es mir auf der Wiese der Phantasie ja, eine Außerirdische in mir zu entdecken. Wo ist mein Denkfehler? Können wir die Wiederholung wirklich überwinden? Und wenn nicht, wie kann etwas Neues entstehen? Ich würde so gerne glauben, dass der Andere getrennt von mir existiert und dennoch eine Verbindung finden. Es würde meine Ängste lindern. Die Angst vor der Entscheidung, mich entweder im Anderen aufzulösen oder aber getrennt zu sein. Abgeschnitten. Einsam. Ohne Hoffnung.

Ich habe bisher immer nur den Spiegel im Spiegel gesehen.

Ich glaube, das war möglicherweise das Anstrengende heute an Arvo Pärt für mich. Er ist einfach kein Bach. Er beruhigt nicht durch Klänge, in die man sich vertrauensvoll versenken kann. Er hält einem den Spiegel vor. Und jedes Mal kann man etwas Anderes von sich entdecken. Hat etwas von Identitätsdiffusion. Die Kontinuität besteht quasi in der Wiederkehr der Veränderung und der Wiederholung des Immergleichen zugleich. Heute sind wir an ihm gescheitert. In beiderseitigem Einverständnis.

Ach gäbe es nur mehr Sicherheiten. Ach könnte ich mich nur besser langweilen. Gute Nacht.

Das Drehbuch in der Schublade…

24. April 2020


Liebe M., ich musste ein paar Gedanken zu einem vorläufigen Ende führen, bevor ich Dir wieder schreiben konnte.

Dabei habe ich so viele Fragen an Dich. An Mich. An Dich. Die Wächterin. Hüterin. Behüterin. Bewahrerin. Beschützerin. Die verborgenen Geheimnisse. Hinter der dreiviertel Lüge. Was liegt eigentlich noch alles in den Kisten deines Lebens? Am Montag noch fühlte ich mich so gierig. Es war, als hättest du mir einen Tisch gedeckt, der sich bog vor Köstlichkeiten. Der, die, das. Ungeahnte Genüsse. Hannah Arendt und die Holzwege. Die Kunst. Patrizia Cavalli. Die Schönheit. Ästhetik. Die ganze Welt. Du hast meine Verwirrung gespürt. Und mein Verlangen. Der Versuch einer Antwort folgt hier. Ich war die vergangenen Tage nun also damit beschäftigt, um den gedeckten Tisch herumzuschleichen. Die Speisen zu begutachten. Ein bisschen zu schnuppern. Mich darauf zu freuen, von dem ein oder anderen zu kosten. Ohne die Angst, dass irgendwann einmal nichts mehr übrig sein könnte. Und ich hungrig bleibe. Zwischenzeitlich habe ich den Anblick dieses Schlaraffenlandes gar nicht ausgehalten. Es war, als flössen alle Sehnsüchte meines bisherigen Lebens zu diesem Festmahl hin. Das war zu viel. Und ist es noch. Ich habe mich also an die Fastfood-Bude geschlichen. Mit unverdaulichen Nahrungsmitteln kenne ich mich aus. Sie schrecken mich nicht. Auch wenn sie mich nicht satt machen. Nur voll. Und hässlich. So richtig von innen heraus. Fettseele. Die Bewegungsfreiheit immer weiter einschränkt.

Der Genuss des maßvollen Essens ist mir in meinem Leben bisher tatsächlich fremd geblieben. Die Gier meine beste Freundin. Habe gierig geschlungen. Immer in der Hoffnung, den Hunger nur endlich stillen zu können. Dieses maßlose Tier in der Tiefe. Ich habe es mit Sehnsucht gefüttert. Diese aber nicht gekaut. In dicken Brocken runtergeschluckt. Mich allzu oft beinahe verschluckt. Alle Willenskraft hatte nicht ausgereicht, mich zum Genuss zu zwingen.

Ich habe mich oft gefragt, ob meine Suche eigentlich lächerlich ist. Eine Anmaßung in sich. Ein Treffen der Ambivalenzen würde dieselben vielleicht nur aushebeln. Und was bliebe dann. Und nun stehe ich vor diesem Tisch. Sehe Weite und Grenze zugleich. Spüre meine Gier und lass mich von dir gerne zum Einhalten von Maß anhalten. Das hat noch keiner gedurft. Nicht seit ich 3 Jahre alt bin. Stattdessen hat sich die Gier mit sich selbst gequält. Ich bekomme gerade eine Idee davon, was es heißen könnte, ein schmackhaftes Essen zu genießen. Trinken ohne betrunken zu werden. Weil das so dumm ist. Auch wenn es die Angst dämpft. Die Angst vor der Freiheit.

Angst vor dem Wiederholungszwang. Eigentlich macht mir der überhaupt am meisten Angst. Die Vorstellung, dass wir alle nicht an ihm vorbeikommen. Er der Fluss unseres Lebens ist, in dem wir getragen werden. Sozusagen die verinnerlichte Konvention. Aus der man nicht einfach aussteigen kann. An dem sich alle Sehnsüchte abarbeiten. Die geschriebenen Drehbücher bleiben im Zweifel dann doch in der Schublade. Kommen nie zur Aufführung. Selbst wenn die Schauspieler bereit stehen. Die Bühne existiert. Stattdessen werden die anderen bekocht. Die Kinder brauchen doch ihre Mutter. Das hatte man halt irgendwann einmal so entschieden. Und der Mann, was soll der ohne einen mit seinem Leben schon anfangen? Und außerdem: gib dich doch endlich mal zufrieden mit dem, was du hast, was du kannst, was du bist. Du kannst nicht alles haben. Nicht alles sein. Ja. Stimmt. Aber vielleicht ein bisschen mehr. Schritt für Schritt. Maßvoll. Mit Genuss. In die Freiheit.

Ich werde über den Wiederholungszwang systematischer nachdenken müssen. Wenn meine Annahme stimmt, dass er unvermeidlich ist, geht es nicht ums Aussteigen, wie ich bisher dachte, sondern darum, ihn sich anzueignen. Nicht nur geschehen lassen. Hypothesen.

Liebe S, vielen Dank für deine Einladung an diesem Briefwechsel teilnehme zu dürfen. Als kleines Dankeschön würde ich dir gerne ein Text von einem argentinischen Schriftsteller anbieten (Präambel zu der Unterweisung im Uhraufziehen – Julio Cortazar):Denk daran: wenn man dir eine Uhr schenkt, schenkt man dir eine verteufelte kleine Hölle, eine Kette von Rosen, ein …

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Was ich sehe, wenn ich dich sehe, sehe ich mich…dich eher nicht – revised

18. April 2020


Ich suche also mein Begehren. Zeitweise hatte ich dieses Unternehmen aufgegeben. Nun habe ich die Suche wieder aufgenommen. Leise Ahnungen treiben mich um, dass ich es nicht BEI, vielleicht nicht einmal MIT den Männern finden werde. Und dennoch befrage ich dich, der du ein Mann bist. Ich weiß nicht, ob dieses Fragen eine Fluchtbewegung ist. Ein Versuch, alles beim Alten zu lassen. Das Immerwiederkehrende. Eine weitere Unterwerfungsgeste im Spiel der Geschlechterdichotomien, das sich auch in mir und meinem Leben abspielt. Dabei würde ich gerne den nächsten emanzipatorischen Schritt wagen.

Lieber J.,

Du bist in meinen Augen zweifelsohne ein Mann. Aha. Sicherheiten. Ich eine Frau. Auch klar. Du bist geschätzte 20 Jahre älter als ich, auch wenn du etwas Altersloses an Dir hast. Du sprichst über dein Alter nicht, windest Dich bei Nachfragen meinerseits. Was ich zugegebenermaßen schwierig finde. Weil du dadurch eine Kategorie verweigerst, die es mir ermöglichen würde, mich sicherer zu fühlen. Da die Grenze der Generationen als Abstandhalter wirken könnte. Schließlich bin ich keine Frau, die einen 20 Jahre älteren Liebhaber wünscht. Und da du nicht unnahbar bist, fehlt mir eine basale Sicherheit. Die Komplexität ist nicht per Konvention ausgeklammert. Sex meine ich. Hast Du längst verstanden. Ich weiß.

Ich bin kein Mädchen mehr. Lange Zeit dachte ich, dass ich darüber froh wäre. Mittlerweile habe ich mir begonnen zu wünschen, noch einmal eines zu sein. Oder wieder eines zu sein. Der immerwährende Wunsch danach, doch etwas schlanker zu sein, hat etwas damit zu tun. Schlanker, drahtiger, sportlicher, körperlicher. Ich könnte mich mädchenhafter fühlen. Und dann? Ja, was dann eigentlich? Dann wäre klar, dass Du ein erwachsener Mann bist und ich ein Mädchen und wenn Du mich gut fändest, dann wäre das pädophil und Du wärst schuld und fertig. Und dann könnte ich mich von Dir fernhalten, weil Du wärst vermutlich einfach ein Perversling. Zudem ein verkappter Narzisst, der so ein jugendliches Ding (naja) wie mich braucht, um sich jung fühlen zu können. Igitt. Und all das unterstelle ich Dir natürlich, wenn Du Dein Alter nicht aussprichst, damit quasi offen lässt, was Du für mich sein könntest.

Und da sitze ich nun und komme nicht an mir vorbei. An meiner Angst vor der Erotik. Vor der Hitze zwischen zwei Menschen. Vor dem Wollen, dem körperlichen Begehren. Dabei ist es doch zu früh. Viel zu früh. Ich ein Mädchen. Wenn auch ein unsichtbares. Und vor allem bist du zu alt. Könntest mein Vater sein. Auch wenn du so viel Ähnlichkeiten mit meinem Vater hast wie ein Dackel mit einem Schnauzer. Oder so. Von Ödipus hältst du nicht viel, meintest Du, als wir zusammen essen waren letztens. Also von der Idee, dass die Kombination junge Frau und älterer Mann immer eine ungelöste ödipale Konfliktlage, sprich Vaterkomplex darstellt. Sei Quatsch. Vernachlässigbar. Damit hast Du Dich natürlich weiter verdächtig gemacht.

Du hättest mich nie einfach so zum Essen eingeladen. Denn auf der Ebene der bewussten Annäherung bist Du wahrlich sehr vorsichtig. Auch wenn Dein Unbewusstes mir schon beim ersten Treffen eine ganz andere Botschaft gesendet hat. Oder was auch immer ich da empfangen zu meinen habe. S., da musst Du aufpassen, habe ich mir gedacht. Die Phantasie ist wahrlich gefährlich. Aber mein Spieltrieb groß. Ich habe dich also eingeladen zum Essen. Locker, flockig, alles easy, ist doch spannend der Austausch zwischen den Geschlechtern. Und schließlich ist er 20 Jahre älter. Ungefähr. Ungefährlich. Ich schaukle die Sache schon. Bin schließlich klug. Und schnell. Und gut analysiert. Und kann nein sagen, wenn ich nicht will. Und überhaupt. Im Zweifel bist Du der Perversling. So einfach ist das.

Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht. Ist eben nicht einfach. Das muss ich näher verstehen. Was wollte ich eigentlich die ganze Zeit herausfinden? Dass ich keine Angst habe? Dass ich ach so reif bin? Kein Mädchen mehr. Eine erwachsene Frau. Dir allemal gewachsen. Begehrenswert und begehrend. Das Spiel mit der Erotik kein Problem. Was wollte ich testen? Dass die Grenzen zwischenmenschlicher Annäherung immer gesteckt sind? Unverrückbar? Als hätte sich das Unbewusste jemals um so schnöde Kategorien wie Altersunterschied gekümmert. Fakt ist. Ich muss ehrlicher mit mir werden. Etwas zieht mich an. Du bist klug. Schnell. Unglaublich eloquent. Ich verstehe nicht immer alles gleich. Das ist spannend. Ich liebe Rätsel. Du sprichst in Andeutungen, als tastest Du Dich daran heran, was mir zuzumuten sei. Und etwas in mir will Dir unbedingt beweisen, dass mir alles zuzutrauen ist. Ich spiele mit. Scheinbar gleichberechtigt. Auf Augenhöhe. Durchaus eine ernstzunehmende Partnerin. Und gleichzeitig habe ich Angst vor der Nähe. Dem Feuer. Von dem Du meintest, man solle nicht damit spielen. Gerade, WENN man dazu in der Lage ist. Während ich also mitmache beim Spiel mit den Grenzen des (Un)Vorstellbaren, weil mich etwas treibt, bin ich in der Tiefe meiner Seele überfordert. Paranoide Ängste suchen mich heim. Siehe oben. Aber Du musst schon zugeben, dass du auch mit Ihnen spielst. Du neckst mich. Forderst mich heraus. Gibst zwischen den Zeilen zu verstehen, dass Du mich durchaus zu mögen in der Lage wärst. Unklar bleibt dabei, wie. Aber das wäre ja auch nur eine weitere Kategorie. Und nur halb so spannend. Kategorien magst Du nicht. Das verbindet uns. Wir versuchen auf unsere Art beide, die Grenzen des Möglichen im Leben und mit anderen auszuloten. Dabei ist es vermutlich immer wieder schwierig, die Grenze zu finden. Diejenige Linie, welche nicht überschritten werden kann. Nicht, weil es geschriebene Gesetze dahingehend gäbe. Sondern weil es einer Überforderung des Ichs gleichkäme und den Genuss somit verunmöglichen. Das Begehren ist in meiner Vorstellung ein bewusstes Erleben. Es ist mehr als Triebhaftigkeit. Mehr als unbewusstes Drängen. Es übernimmt Verantwortung für das eigene Wollen. Da bin ich noch nicht. Manchmal vielleicht kurz davor. Aber noch nicht da.

Der Ekel zieht in meinem Fall die Grenze. Alleine die Vorstellung erotischer Nähe zu Dir ist mir eklig. Zu nah. Ungenießbar. Nicht zu genießen. Eine Überforderung. Und dennoch scheint mein Unbewusstes mit dieser Phantasie zu spielen. Vergleichbar damit, wie ich im Alter von 14 Jahren nächtens von heißem Sex mit meinem Vater träumte. Den ich im Traum unfassbar genossen hatte. Wenn er dann ganz real neben mir am Frühstückstisch sein Brot schmatzte, ekelte ich mich erbärmlich. Und hielt mich für völlig abnormal in Erinnerung an die nächtliche Traumgestalt.

Lieber J. , vielleicht bist Du in Deinem Spiel mit dem Begehren, mit der Erotik, mit der Sexualität und den Frauen oder Männern oder beidem in Deinem Leben an einem Punkt angekommen, wo Du es Dir ohne weiteres leisten kannst, die ödipale Idee für Unsinn zu halten. Vernachlässigbar. Eine Kategorie, die mehr Möglichkeiten nimmt als eröffnet. Ich bin da nicht. Ob ich es jemals sein werde, weiß ich heute noch nicht. Ich weiß nur, dass meine Seele nach Reifung drängt. Und dass ich dafür angewiesen bin auf Menschen wie Dich. Ich will so unbedingt spielen. Ausprobieren. Meinen Innenraum erweitern. Grenzen erforschen, sie im Spiel übertreten und dadurch die realen neu ausloten. Ich habe aber Angst, dabei meine eigenen Grenzen zu übersehen. Zu übertreten. Mich missbrauchen zu lassen von einem Gegenüber, das von all diesen Feinheiten des Seelenlebens eines Mädchens zu wenig weiß. Oder sich überschätzt. Weil er selbst zu viel braucht. Sein eigenes Leid zu wenig kennt. Und dass sich dann wirklich alles wiederholt. Dass mein Begehren, was zu entdecken gehofft war, wieder nur im Anderen steckenbleibt. Weil es nicht aus eigener Kraft entdeckt worden ist. Sondern aufgedeckt wurde. Ohne die Möglichkeit, sich dessen selbsttätig zu bemächtigen. Und das Schlimmste dabei wäre, dass ich es selbst gewollt hätte. Weil bloße Konvention in mir keine Grenze zieht. Und eine andere Grenze manchmal zu fehlen scheint. Oder von mir gerne ausgereizt wird. Weil ich auf der Suche bin. So sehr.

Wenn Corona nicht wäre, würden wir uns immer noch alle zwei Wochen zum Joggen treffen. Scherzen. Intellektuelle Gefechte ausführen, die ich vermeintlich gewinnen könnte. Du bist ja so nett, mich das glauben zu lassen. (Ich bin dafür so nett, immer mal wieder langsamer zu machen beim Laufen als ich müsste.) Ab und an essen gehen. Über mich und meine Belange sprechen, als wärst Du ein harmloser Zuhörer. Ein väterlicher Freund. Aber Du bist kein väterlicher Freund. Weil ich gar nicht weiß, was das sein könnte. Und Du das vielleicht gar nicht sein kannst. Oder sein willst. Ich hatte jedenfalls schon mit 16 Jahren Angst, dass sich der 60jährige Staatsanwalt, bei dem ich ein Praktikum absolvierte, den ich restlos bewunderte und der mich sehr nah kommen ließ, in mich verliebt hätte. Ich hatte mir damals – so verstehe ich es im Nachhinein – protegierende Unterstützung für meinen erwachenden intellektuellen Geist gewünscht. Das starke Wollen in mir. Was ja in der Tiefe nicht zu trennen ist von erotischer Kraft. Ich bin damals mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede weggerannt. Ganz schnell. Habe den Kontakt abgebrochen, als er mir zu intensiv wurde. Vielleicht war das damals gut. Schließlich war ich erst 16 und was weiß man da schon. Und doch sind so viele Fragen offen geblieben. Ich habe den Weg vom Mädchen zur Frau nie gefunden. Weil ich dem Mädchen in mir zu lange nicht begegnen wollte. Dem Mädchen, das noch unbedenklich zündelte, weil daraus gar kein bedrohliches Feuer werden konnte. Mit dem zu spielen ungefährlich war. Dessen Funken aber zunehmend mehr Brennkraft entwickelten. Das brennen wollte. Und aus welchen Gründen auch immer nicht konnte. Aber die Glut loderte im Stillen. Du hast das Mädchen in mir erkannt. Und hast dir diese Erkenntnis auf die Fahnen geschrieben. Das war dein blinder Fleck. Ich hatte sie schon zuvor getroffen. Wie gesagt. Es gab viele ältere Männer in meinem Leben. Meine Angst vor dem Feuer war nicht mehr ganz so groß. Schon aber die Wut. Das hast du nicht gesehen. Und ich auch nicht. Du hast dich angeboten. Nicht einmal besonders unbewusst, wenn ich den Abend bei essighaltigem Feldsalat richtig erinnere. Ob dir klar war, was du angeboten hast, weiß ich nicht. Ich wusste es nicht. Aber ich habe angenommen. Mit Verzögerung.

Ich will nicht mehr wegrennen. Ich will mein Begehren wirklich finden. Nicht nur das sexuelle. Aber auch das. Ich werde mein Begehren nicht bei Dir finden. Oder zumindest nicht mit Dir. Oder zumindest nicht das sexuelle. Denn dahingehend bin ich dir nicht gewachsen. Ich bin kein Opfer. Und du kein Täter. Aber umgekehrt wird auch kein Schuh draus. So einfach ist es eben nicht. Mein Part ist, Verantwortung zu übernehmen. Für das verletzte und gekränkte Mädchen in mir. Für meine Wut. Das hatte ich bisher offensichtlich nicht geschafft. Und du hast es mir deutlich gezeigt. Danke. Was dein Part sein könnte, kann ich nur erahnen. Ist aber nicht mein Job. Wir werden vermutlich nicht mehr joggen gehen. Nicht mehr essen. Aber ich hoffe, dass ich mich nicht schämen werde, wenn ich dich doch treffe. Ich habe dir Ehrlichkeit angeboten. Vielleicht zu viel davon. So ist es nun.

Ich hoffe, es geht Dir gut.