Hören mit dem dritten Ohr

Assoziative Reflexionen zur inneren und äußeren Welt

Heute morgen beim Frühstück. Als die Kinder nutellaverschmiert in alle Himmelsrichtungen verschwunden waren, bot sich eine gute Gelegenheit. Mal wieder reden. Über etwas wirklich Relevantes. Ich hatte einen spontanen Gedanken. „Sag mal, wie wäre es denn, wenn du in dieser Coronazeit einfach auf 50% reduzierst bei der Arbeit? Du kannst ja eh keine Termine an …

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Mein erster Gedanke: ich muss aufpassen. Wenn ich als Frau über Partnerschaft, Männer, Frauen und dann auch noch Sex schreiben will, ist das nicht ganz ungefährlich. In mehrfacher Hinsicht. Die äußeren Gefahren sind vielfältig, denn wo auch immer ich gedanklich landen werde; ich könnte auf dem Weg dorthin das Heiligtum unserer heteronormativen Gesellschaft angreifen. Mann, …

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Was ich sehe, wenn ich dich sehe, sehe ich mich…dich eher nicht – revised

18. April 2020


Ich suche also mein Begehren. Zeitweise hatte ich dieses Unternehmen aufgegeben. Nun habe ich die Suche wieder aufgenommen. Leise Ahnungen treiben mich um, dass ich es nicht BEI, vielleicht nicht einmal MIT den Männern finden werde. Und dennoch befrage ich dich, der du ein Mann bist. Ich weiß nicht, ob dieses Fragen eine Fluchtbewegung ist. Ein Versuch, alles beim Alten zu lassen. Das Immerwiederkehrende. Eine weitere Unterwerfungsgeste im Spiel der Geschlechterdichotomien, das sich auch in mir und meinem Leben abspielt. Dabei würde ich gerne den nächsten emanzipatorischen Schritt wagen.

Lieber J.,

Du bist in meinen Augen zweifelsohne ein Mann. Aha. Sicherheiten. Ich eine Frau. Auch klar. Du bist geschätzte 20 Jahre älter als ich, auch wenn du etwas Altersloses an Dir hast. Du sprichst über dein Alter nicht, windest Dich bei Nachfragen meinerseits. Was ich zugegebenermaßen schwierig finde. Weil du dadurch eine Kategorie verweigerst, die es mir ermöglichen würde, mich sicherer zu fühlen. Da die Grenze der Generationen als Abstandhalter wirken könnte. Schließlich bin ich keine Frau, die einen 20 Jahre älteren Liebhaber wünscht. Und da du nicht unnahbar bist, fehlt mir eine basale Sicherheit. Die Komplexität ist nicht per Konvention ausgeklammert. Sex meine ich. Hast Du längst verstanden. Ich weiß.

Ich bin kein Mädchen mehr. Lange Zeit dachte ich, dass ich darüber froh wäre. Mittlerweile habe ich mir begonnen zu wünschen, noch einmal eines zu sein. Oder wieder eines zu sein. Der immerwährende Wunsch danach, doch etwas schlanker zu sein, hat etwas damit zu tun. Schlanker, drahtiger, sportlicher, körperlicher. Ich könnte mich mädchenhafter fühlen. Und dann? Ja, was dann eigentlich? Dann wäre klar, dass Du ein erwachsener Mann bist und ich ein Mädchen und wenn Du mich gut fändest, dann wäre das pädophil und Du wärst schuld und fertig. Und dann könnte ich mich von Dir fernhalten, weil Du wärst vermutlich einfach ein Perversling. Zudem ein verkappter Narzisst, der so ein jugendliches Ding (naja) wie mich braucht, um sich jung fühlen zu können. Igitt. Und all das unterstelle ich Dir natürlich, wenn Du Dein Alter nicht aussprichst, damit quasi offen lässt, was Du für mich sein könntest.

Und da sitze ich nun und komme nicht an mir vorbei. An meiner Angst vor der Erotik. Vor der Hitze zwischen zwei Menschen. Vor dem Wollen, dem körperlichen Begehren. Dabei ist es doch zu früh. Viel zu früh. Ich ein Mädchen. Wenn auch ein unsichtbares. Und vor allem bist du zu alt. Könntest mein Vater sein. Auch wenn du so viel Ähnlichkeiten mit meinem Vater hast wie ein Dackel mit einem Schnauzer. Oder so. Von Ödipus hältst du nicht viel, meintest Du, als wir zusammen essen waren letztens. Also von der Idee, dass die Kombination junge Frau und älterer Mann immer eine ungelöste ödipale Konfliktlage, sprich Vaterkomplex darstellt. Sei Quatsch. Vernachlässigbar. Damit hast Du Dich natürlich weiter verdächtig gemacht.

Du hättest mich nie einfach so zum Essen eingeladen. Denn auf der Ebene der bewussten Annäherung bist Du wahrlich sehr vorsichtig. Auch wenn Dein Unbewusstes mir schon beim ersten Treffen eine ganz andere Botschaft gesendet hat. Oder was auch immer ich da empfangen zu meinen habe. S., da musst Du aufpassen, habe ich mir gedacht. Die Phantasie ist wahrlich gefährlich. Aber mein Spieltrieb groß. Ich habe dich also eingeladen zum Essen. Locker, flockig, alles easy, ist doch spannend der Austausch zwischen den Geschlechtern. Und schließlich ist er 20 Jahre älter. Ungefähr. Ungefährlich. Ich schaukle die Sache schon. Bin schließlich klug. Und schnell. Und gut analysiert. Und kann nein sagen, wenn ich nicht will. Und überhaupt. Im Zweifel bist Du der Perversling. So einfach ist das.

Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht. Ist eben nicht einfach. Das muss ich näher verstehen. Was wollte ich eigentlich die ganze Zeit herausfinden? Dass ich keine Angst habe? Dass ich ach so reif bin? Kein Mädchen mehr. Eine erwachsene Frau. Dir allemal gewachsen. Begehrenswert und begehrend. Das Spiel mit der Erotik kein Problem. Was wollte ich testen? Dass die Grenzen zwischenmenschlicher Annäherung immer gesteckt sind? Unverrückbar? Als hätte sich das Unbewusste jemals um so schnöde Kategorien wie Altersunterschied gekümmert. Fakt ist. Ich muss ehrlicher mit mir werden. Etwas zieht mich an. Du bist klug. Schnell. Unglaublich eloquent. Ich verstehe nicht immer alles gleich. Das ist spannend. Ich liebe Rätsel. Du sprichst in Andeutungen, als tastest Du Dich daran heran, was mir zuzumuten sei. Und etwas in mir will Dir unbedingt beweisen, dass mir alles zuzutrauen ist. Ich spiele mit. Scheinbar gleichberechtigt. Auf Augenhöhe. Durchaus eine ernstzunehmende Partnerin. Und gleichzeitig habe ich Angst vor der Nähe. Dem Feuer. Von dem Du meintest, man solle nicht damit spielen. Gerade, WENN man dazu in der Lage ist. Während ich also mitmache beim Spiel mit den Grenzen des (Un)Vorstellbaren, weil mich etwas treibt, bin ich in der Tiefe meiner Seele überfordert. Paranoide Ängste suchen mich heim. Siehe oben. Aber Du musst schon zugeben, dass du auch mit Ihnen spielst. Du neckst mich. Forderst mich heraus. Gibst zwischen den Zeilen zu verstehen, dass Du mich durchaus zu mögen in der Lage wärst. Unklar bleibt dabei, wie. Aber das wäre ja auch nur eine weitere Kategorie. Und nur halb so spannend. Kategorien magst Du nicht. Das verbindet uns. Wir versuchen auf unsere Art beide, die Grenzen des Möglichen im Leben und mit anderen auszuloten. Dabei ist es vermutlich immer wieder schwierig, die Grenze zu finden. Diejenige Linie, welche nicht überschritten werden kann. Nicht, weil es geschriebene Gesetze dahingehend gäbe. Sondern weil es einer Überforderung des Ichs gleichkäme und den Genuss somit verunmöglichen. Das Begehren ist in meiner Vorstellung ein bewusstes Erleben. Es ist mehr als Triebhaftigkeit. Mehr als unbewusstes Drängen. Es übernimmt Verantwortung für das eigene Wollen. Da bin ich noch nicht. Manchmal vielleicht kurz davor. Aber noch nicht da.

Der Ekel zieht in meinem Fall die Grenze. Alleine die Vorstellung erotischer Nähe zu Dir ist mir eklig. Zu nah. Ungenießbar. Nicht zu genießen. Eine Überforderung. Und dennoch scheint mein Unbewusstes mit dieser Phantasie zu spielen. Vergleichbar damit, wie ich im Alter von 14 Jahren nächtens von heißem Sex mit meinem Vater träumte. Den ich im Traum unfassbar genossen hatte. Wenn er dann ganz real neben mir am Frühstückstisch sein Brot schmatzte, ekelte ich mich erbärmlich. Und hielt mich für völlig abnormal in Erinnerung an die nächtliche Traumgestalt.

Lieber J. , vielleicht bist Du in Deinem Spiel mit dem Begehren, mit der Erotik, mit der Sexualität und den Frauen oder Männern oder beidem in Deinem Leben an einem Punkt angekommen, wo Du es Dir ohne weiteres leisten kannst, die ödipale Idee für Unsinn zu halten. Vernachlässigbar. Eine Kategorie, die mehr Möglichkeiten nimmt als eröffnet. Ich bin da nicht. Ob ich es jemals sein werde, weiß ich heute noch nicht. Ich weiß nur, dass meine Seele nach Reifung drängt. Und dass ich dafür angewiesen bin auf Menschen wie Dich. Ich will so unbedingt spielen. Ausprobieren. Meinen Innenraum erweitern. Grenzen erforschen, sie im Spiel übertreten und dadurch die realen neu ausloten. Ich habe aber Angst, dabei meine eigenen Grenzen zu übersehen. Zu übertreten. Mich missbrauchen zu lassen von einem Gegenüber, das von all diesen Feinheiten des Seelenlebens eines Mädchens zu wenig weiß. Oder sich überschätzt. Weil er selbst zu viel braucht. Sein eigenes Leid zu wenig kennt. Und dass sich dann wirklich alles wiederholt. Dass mein Begehren, was zu entdecken gehofft war, wieder nur im Anderen steckenbleibt. Weil es nicht aus eigener Kraft entdeckt worden ist. Sondern aufgedeckt wurde. Ohne die Möglichkeit, sich dessen selbsttätig zu bemächtigen. Und das Schlimmste dabei wäre, dass ich es selbst gewollt hätte. Weil bloße Konvention in mir keine Grenze zieht. Und eine andere Grenze manchmal zu fehlen scheint. Oder von mir gerne ausgereizt wird. Weil ich auf der Suche bin. So sehr.

Wenn Corona nicht wäre, würden wir uns immer noch alle zwei Wochen zum Joggen treffen. Scherzen. Intellektuelle Gefechte ausführen, die ich vermeintlich gewinnen könnte. Du bist ja so nett, mich das glauben zu lassen. (Ich bin dafür so nett, immer mal wieder langsamer zu machen beim Laufen als ich müsste.) Ab und an essen gehen. Über mich und meine Belange sprechen, als wärst Du ein harmloser Zuhörer. Ein väterlicher Freund. Aber Du bist kein väterlicher Freund. Weil ich gar nicht weiß, was das sein könnte. Und Du das vielleicht gar nicht sein kannst. Oder sein willst. Ich hatte jedenfalls schon mit 16 Jahren Angst, dass sich der 60jährige Staatsanwalt, bei dem ich ein Praktikum absolvierte, den ich restlos bewunderte und der mich sehr nah kommen ließ, in mich verliebt hätte. Ich hatte mir damals – so verstehe ich es im Nachhinein – protegierende Unterstützung für meinen erwachenden intellektuellen Geist gewünscht. Das starke Wollen in mir. Was ja in der Tiefe nicht zu trennen ist von erotischer Kraft. Ich bin damals mit irgendeiner fadenscheinigen Ausrede weggerannt. Ganz schnell. Habe den Kontakt abgebrochen, als er mir zu intensiv wurde. Vielleicht war das damals gut. Schließlich war ich erst 16 und was weiß man da schon. Und doch sind so viele Fragen offen geblieben. Ich habe den Weg vom Mädchen zur Frau nie gefunden. Weil ich dem Mädchen in mir zu lange nicht begegnen wollte. Dem Mädchen, das noch unbedenklich zündelte, weil daraus gar kein bedrohliches Feuer werden konnte. Mit dem zu spielen ungefährlich war. Dessen Funken aber zunehmend mehr Brennkraft entwickelten. Das brennen wollte. Und aus welchen Gründen auch immer nicht konnte. Aber die Glut loderte im Stillen. Du hast das Mädchen in mir erkannt. Und hast dir diese Erkenntnis auf die Fahnen geschrieben. Das war dein blinder Fleck. Ich hatte sie schon zuvor getroffen. Wie gesagt. Es gab viele ältere Männer in meinem Leben. Meine Angst vor dem Feuer war nicht mehr ganz so groß. Schon aber die Wut. Das hast du nicht gesehen. Und ich auch nicht. Du hast dich angeboten. Nicht einmal besonders unbewusst, wenn ich den Abend bei essighaltigem Feldsalat richtig erinnere. Ob dir klar war, was du angeboten hast, weiß ich nicht. Ich wusste es nicht. Aber ich habe angenommen. Mit Verzögerung.

Ich will nicht mehr wegrennen. Ich will mein Begehren wirklich finden. Nicht nur das sexuelle. Aber auch das. Ich werde mein Begehren nicht bei Dir finden. Oder zumindest nicht mit Dir. Oder zumindest nicht das sexuelle. Denn dahingehend bin ich dir nicht gewachsen. Ich bin kein Opfer. Und du kein Täter. Aber umgekehrt wird auch kein Schuh draus. So einfach ist es eben nicht. Mein Part ist, Verantwortung zu übernehmen. Für das verletzte und gekränkte Mädchen in mir. Für meine Wut. Das hatte ich bisher offensichtlich nicht geschafft. Und du hast es mir deutlich gezeigt. Danke. Was dein Part sein könnte, kann ich nur erahnen. Ist aber nicht mein Job. Wir werden vermutlich nicht mehr joggen gehen. Nicht mehr essen. Aber ich hoffe, dass ich mich nicht schämen werde, wenn ich dich doch treffe. Ich habe dir Ehrlichkeit angeboten. Vielleicht zu viel davon. So ist es nun.

Ich hoffe, es geht Dir gut.